"Wie geht's dir?"

In Albanien bin ich mit dem Kopf durch die Wand in verschiedene Welten gestolpert.

Auf dem Grenzposten fällt einem Beamten mein Blick auf das Schild welches sagt "Dieser Grenzübergang wurde mit Hilfe der EU im Rahmen der Beitrittsvorbereitungen gebaut"auf. Mich wunderte nicht, als er auf deutsch sagte: "Scheißdreck. Für diesen Schrott hier werden wir noch lange bezahlen müssen."

Nach dem Grenzübergang, welcher durch den Schalter extra für zu Fuß oder zu Rad Reisende ein wenig extraordinär wirkte, auch wenn die Grenzbeamten seltsamerweise mit meinem Reisepass etwas überfordert rüberkamen, überraschte zuallererst die gute Straße.

Albanien eröffnete sich mir zuerst als ein flaches Land innerhalb eines Talkessels, kräftig belandwirtschaftet und dementsprechend hübsch anzusehen.

Gleich als zweites fällt auf: Albanien hat einen nicht zu leugnenden islamischen Einfluss. Die älteren Herren und Damen sind trotz deutlich erkennbarer Armut vornehm gekleidet, vorurteilbedienender Kram wie Burkas oder Kopftücher sind Fehlanzeige. Minarette statt Glockentürme: denkt was ihr wollt, aber nach meiner bisherigen Erfahrung habe ich diese 2 Minuten Gesang lieber als den dröhnenden Krach der Glocken von den christlichen Kirchen, welche sich selbst an keinerlei christliche Schlafenszeiten halten - im Gegensatz zu den Minaretten.

Die positive Überraschung verflog aber sehr bald und wurde prompt von Entsetzen...ersetzt.

Schon seit Ostdeutschland erwarte ich keine modernen Glasbauten mehr. Aber im Norden des Landes sah ich Menschen in vier Wänden leben, die man in Deutschland nichtmal als Stall bezeichnen und dort ein Pferd unterstellen darf. Diejenigen, die kein Geld für ein kaputtes Auto haben, reiten auf Eseln von Dorf zu Dorf um ihr Obst und Gemüse an der Straße zu verkaufen.

Streunende Hunde und Katzen, wovon längst nicht jedes Individuum lebendig unter meine Augen kam.

Dreck in Form von Bauschutt als Verbindung zwischen "Straße" und "Grundstück", Müll und verrostende Fahrzeuge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bin ich hier in Europa?

Die frisch gewonnenen Eindrücke schoben mich eilig vorwärts ins Landesinnere zur Hauptstadt Tirana, wo ich hoffte schönere Erinnerungen sammeln zu können. Auf dem Weg dorthin brach an einem der Schläuche ein filigranes Teil des Ventils, welches von Anfang an nicht ganz gerade war (Zaunpfahl an die Jungs bei Poison) und ich musste so schnell es ging eine größere Stadt erreichen, bevor mir auf dem Weg nach Tirana das Ventil zerspringt und ich nichtmal mehr aufpumpen kann.

So führte der Weg durch die Ländereien geprägt von Armut nach Shkoder.

Das erste Abenteuer der kulturellen Art!

Man kennt ja viele Geschichten und Bilder vom lebhaften Straßenverkehr in Fernost. In Albanien macht man für genau das den Führerschein.

Autos, Roller und Mofas drängen sich durch die Passanten, welche kreuz und quer über die mit Marktständen zugestellten Straßen laufen, Omas holen ihre Enkel mit dem Fahrrad von der Schule ab. Selbst wenn es Schilder gäbe: niemand könnte es sich erlauben, nach ihnen zu gucken, geschweige denn ihre Bedeutung zu achten. Einfach zu viel Gewusel :) Absolut charmant und irgendwie witzig, wenn auch zuerst leicht überfordernd.

Fix führt mich meine Navigation zu einem Fahrradladen.

"Laden".

Räder, Teile davon, Werkzeug...irgendwie alles flog durcheinander, hing an der Wand oder von der Decke. Kurz bevor ich damit rechnen konnte, dass mir Tia Dalma aus "Fluch der Karibik" entgegen kommen und ein Glas voll Dreck in die Hand drücken würde, damit der grausame Leviathan mich nicht erwischt fragte mich jemand, der zuerst gar nicht danach aussah, als würde er in das Geschäft gehören direkt auf deutsch, wie er helfen könnte.

Angesichts der Umstände waren meine Zweifel, ein filigranes Ventil repariert zu bekommen wohl berechtigt, aber umso Größer die Verwunderung, als er das Problem erkannt und binnen zwei Minuten gelöst hat.

Da hängt einem schonmal die Kinnlade runter.

Nebenbei wird noch mit einem Bekannten telefoniert, der besseres deutsch spricht, damit eine rege Unterhaltung mit Dolmetscher geführt werden kann - cooles Völkchen!

Als Tia Dal-, ich meine der Chef im Laden mit meinem Ventil fertig war, weigerte man sich noch von einem Reisenden, dem man in seiner Notsituation einiges hätte abknüpfen können, etwas anzunehmen. Keinerlei Bezahlung für einen für mich in dem Moment sehr wertvollen Dienst von jemandem, der meines Erachtens etwas Geld gut gebrauchen könnte. Sprach ich eben von einer hängenden Kinnlade? Gut, dass die nicht bis zum Boden reicht, sonst hätte ich mir das Kinn vor Staunen auf dem Asphalt aufgeschlagen. Albanische Hilfsbereitschaft - nachdem man mir in Montenegro Bremsmatten für 40€ andrehen wollte rettet man mir ausgerechnet hier kostenfrei den Arsch. Der Plan, in den größeren Städten angenehmere Erinnerungen zu finden, ging blendend auf :)

#30TageHockeChallenge

Kurz darauf trübte sich das aber schon wieder.

Jeder ist mal angebettelt worden. Von wirklich armen Leuten, denen man ansieht, dass sie nichts haben, von Punks mit Bier, Kippe und Köter, von Straßenmusikanten in schöpferischer Pause,...aber nicht von Kindern.

Zumindest für mich war es eine völlig neue Erfahrung, ein Kind neben mir auftauchen zu sehen, welches mir dann die offene Hand entgegenstreckt ohne einen Ton zu sagen.

Nun, der Gesichtsausdruck sollte wirklich noch geübt werden - zu gucken wie jemand, der "Gib mir was, du blöder...." sagen möchte während man bettelt ist taktisch fragwürdig. Vor allem, wenn man das kleine Münzgeld abweist, weil man die größeren Münzen gesehen hat.

Ich weiß nicht, wie ich auf sowas reagieren soll. Meine Vorgehensweise für jede weitere Situation war dann, immer einen Apfel dabei zu haben und diesen dann geben zu können. Hintergrund ist, dass die Kinder, selten von Erwachsenen begleitet, etwas anders aussahen als die "üblichen" Kinder in Albanien. Meine Vermutung, dass es sich hier um Flüchtlingskinder aus Rumänien oder sonstwo her handeln könnte, führte mich zu der Annahme, dass diese Kinder mit etwas Kleingeld nicht viel anfangen können, da sie eventuell aus den Märkten gejagt werden. Nicht, dass ich das gesehen hätte, aber bevor ich einem hungernden Menschen Geld gebe, was unter Umständen nichts nützt, gebe ich lieber was zu Beißen. Da das nicht auf Ablehnung stieß, fühlte ich mich in meinen Ansichten zumindest teilweise bestätigt. Weiß ja auch nicht, wie in Albanien mit flüchtigen Sinti, Roma und sonstigen Minderheiten umgegangen wird, falls es sich um Menschen aus diesen Kreisen handelt.

Nun gut - mit repariertem Ventil weiter nach Tirana!

Was. Für. Ein. Chaos!

Dichter Verkehr ohne Fahrbahnmarkierungen, Ampeln gibt es nicht...Kilometer lang treibt es mich durch ein Gewusel wie ich es auch in Shkoder nicht hatte immer weiter in das Zentrum der Stadt. Als ich dann nach 13 Kilometern "mit dem Strom schwimmen" feststellte, dass ich mich gerade erst durch die Vororte gekämpft hatte, konnte ich mir das Grinsen nicht verkneifen :)

Weitere Gründe zum Grinsen ist der Umgang mit der Infrastruktur:

Lastwagen (also die mit der offenen Ladefläche hinten, die meistens Baumaterial oder Geräte transportieren), die Farbe geladen haben - ohne Behälter.

Kein Witz, Tausende Liter flüssiger, weißer Farbe einfach so auf die Ladefläche gekippt, sodass sie während der Fahrt etwas aus den Ritzen der Laderampe tropft und erstmalig Fahrbahnmarkierungen setzt! Wenn diese Laster dann noch Schlaglöcher (wovon es viele gibt) mitnahmen, entstanden Bilder auf dem Asphalt, die heutzutage als "Kunst" durchgehen würden. Straßenkunst, im wahrsten Sinne des Wortes!

Neue Straßenbeläge!

Tatsächlich wurde ich Zeuge der Aufwertung bestehender Straßen, indem sie einen neuen Belag erhielten.

Wir kennen das aus Deutschland:

- Straße sperren (zumindest einspurig)

- zwei Wochen geschieht nichts

- Straße aufreißen (vielleicht die gesperrte Seite, vielleicht die mit fließendem Verkehr und alle sind verwirrt)

- zwei Wochen geschieht nichts

- neu machen

- zwei Wochen geschieht nichts

- Fahrbahnmarkierungen setzen (vielleicht auf dem erneuerten Teil, vielleicht auf dem alten)

- zwei Wochen geschieht nichts

- Absperrungen entfernen

- gegebenenfalls die andere Seite genauso machen

Das läuft in Albanien grundsätzlich anders! Vor allem läuft es schneller...

Den Teil mit dem Aufreißen der alten Straße habe ich nicht bezeugen können, aber IN dem laufenden Verkehr wird der neue Asphalt geschüttet und ohne jede Absperrung stehen die Jungs da und schaufeln das Alles erstmal gerade. Während der fließende Verkehr dann in dem heißen und noch losen Asphalt-Schutt rumfahren, kommt irgendwann die Walze, welche sich in den Verkehr einreiht und das Werk vollendet. Ohne den Teil des Aufreißens der alten Straße dauert das komplette Verfahren keine zwei Stunden! Nicht schlecht.

Auch nicht schlecht war dann mein Grinsen über die Folgen des Verfahrens: die Fahrzeuge, welche vor der Walze durch den Asphalt-Schutt fuhren hatten das Zeug natürlich an den Reifen kleben. Überall um mich herum knisterte es, als die Bröckchen trockneten und absprangen - und dabei nicht selten mein Rad oder mich trafen. Gut, dass ich da meine Sonnenbrille auf hatte, diese diente faktisch mehr als Schutzbrille! Ich selbst knisterte übrigens auch - ich war der erste Radweltreisende mit Steinreifen! :) Angesichts dieser Umstände musste einfach ein wenig kopfschüttelnd gegrinst werden.

Dieses hielt aber auch nicht ewig: wer meint, er würde in der albanischen Hauptstadt die Bilder von Armut, Dreck und Tierkadavern vergessen können, irrt.

Nicht unnötig viele Details hier, aber Bauarbeiter, die für irgendwelche Kanalarbeiten kaum einen Meter mit dem Gesicht neben einem Kadaver, dem schon die Maden aus dem Rachen sprudeln, die Straße aufbuddeln sind ein Motiv für Alpträume.

Wegräumen?

Nö, wieso?

Infektionsgefahr?!

Is doch tot, kann ja meinen mehr beißen, höhö.

-

Genug davon.

Eine schöne Überraschung hatte Tirana dann doch zu bieten und da ist es wirklich nicht beim Grinsen geblieben: nachdem ich dann aus den Vororten durch den drei- bis vierspurigen Verkehr zwischen Autos und Bussen in die Hauptstadt getaucht bin erschien irgendwann eine Kreuzung, so richtig mit Ampelregulierung und so!

In Folge dessen natürlich der Ausblick auf etliche freie Meter vor mir - und damit auf diesen drei Meter breiten Radweg rechts auf dem Bürgersteig, welcher über 10 Kilometer wegen dem Verkehr um mich herum nicht zu sehen war. Dass ich so gelacht habe, lag also zu einem nicht geringen Teil daran, dass ich froh war, das bis dorthin schadensfrei überstanden zu haben :)

Der lustigen Momente und freundlichen Menschen zum Trotz konnte ich mich dennoch nicht dem Gefühl, das albanische Innenland schnell hinter mir lassen zu wollen verwehren.

Nach der einen Nacht klingelte früh mein Wecker, denn ich hatte einen neuen Rekord aufzustellen - von Tirana nach Vlora, ein Ritt wie ich ihn länger nie gemacht habe. 160km. Da ich aber wusste, dass es sehr sehr flach sein würde, war das kein Risiko.

Riskant wurde es, als ich feststellte, dass meine Route mich über eine Landstraße führte, welche ohne Vorwarnung zu einer Autobahn wurde. Scheiße.

Hier runter und dann wieder durch den Müll und an den angriffslustigen Hunden vorbei? Hunde? Oh ja, Albanien ist voll mit hungrigen Hunden, welche einen starken Appetit auf saftige Radlerschenkel haben.

Ich konnte Hunde ja noch nie besonders gut leiden (meinen Kindheitserfahrungen mit diesen Bestien sei Dank), aber hier wurde es echt auf die Spitze getrieben. Viele Radreisende haben damit ihre Erfahrungen und jeder hat seine eigene Art, damit umzugehen. Nachdem ich versäumte Pfefferspray zu besorgen, musste also mein Messer herhalten. Gut, das hat sich als nutzlos erwiesen, denn der Tip, den Viechern zu zeigen, wer der Babo ist indem man auf sie zufährt und brüllt wie ein Drache entpuppte sich als äußerst effektiv. Damit blieb mein schönes Messer auch sauber. Nennt mich böse, aber wenn ich soeine blöde Töle dann mal tot am Straßenrand liegen sah, störte mich das im Verlauf der Reise in Albanien immer weniger. Kein Mitleid mit sowas. Nicht von mir.

Zurück zur Autobahn:

NEIN, ich fahre nicht weiter durch solche Gegenden. Nicht, wenn ich eine Wahl habe!

Die Wahl war: eine an einem Sonntag kaum befahrene Autobahn, flach und sehr direkt zu meinem Ziel. Mit etwa 30cm zwischen solchen im Boden eingelassenen Reflektoren und dem Straßenrand. Das war für etwa 100km auf der Autobahn meine Welt.

Albanien sei an dieser Stelle zugute gehalten, dass die Polizei sich nicht sonderlich für mich interessierte.

Mehrfach überholten mich Polizisten - völlig egal.

Mehrfach kam ich an mobilen Verkehrskontrollen und Blitzern vorbei - freundliches Winken der Beamten.

Dass sie mir nicht nachfuhren um mich anzuhalten und maßzuregeln bestätigte die Freundlichkeit. Ich habe das Winken also nicht falsch verstanden :)

Die Schrecken Albaniens blieben ab Vlora weit hinter mir.

Gut, abgesehen von perversen Aufstiegen auf Berge, bei denen neue Höhenrekorde entstanden und von Touristen weitesgehend unbeeindruckte Einheimische, wovon die gerade motorisierten es sich nie nehmen ließen, mich aus dem Weg zu hupen. Ein Umstand, den man zu ignorieren lernt, sehr zum Leidwesen der LKW Fahrer. Aber mich hupt man nicht einfach aus dem Weg, wenn man auch normal überholen kann! Hätte ich für jedes Anhupen, welches mir galt einen Euro bekommen, ich wäre den Rest meines Lebens auf Weltreise. Wäre jedes Hupen, welches ich überhaupt gehört habe ein Euro in meine Tasche gewandert, ich würde das Welthungerproblem lösen - und auf Weltreise bleiben.

                                                                                                                                             Haha, das sieht ja fast so aus,

                                                                                                                                             als wenn es da hoch ginge!

                         

                                                                                                                                           Aber so doof wird man ja nicht

                                                                                                                                           gewesen sein...man wird ja

                                                                                                                                          einen Tunnel gebaut haben!...

NEIN, hat man nicht!

Immer schön hoch...auf einen neuen

Höhenrekord von 1070 Meter :)

Der Süden des Landes, schön an der Küste gelegen entschädigte dann schnell für die letzten Bilder im Kopf. Selbst die heimische Fauna gibt sich Mühe, mich für die Strapazen der vergangen Berge zu entschädigen!

Ganz als würde ich das Land mich nicht mit ausschließlich schlechten Bildern gehen lassen wollen, präsentiert Albanien seine landschaftlich besten Seiten:

Nach 4 Tagen Pause in Saranda, einem recht bekannten Urlaubsörtchen in der letzten Ecke Albaniens vor der griechischen Grenze durfte ich noch ein Naturschauspiel beobachten, welches ich erstaunlicherweise noch nie gesehen habe: eine Quelle! Ganz simpel aus dem Boden sprudelndes Wasser, welches den dazugehörigen Flusslauf speist. Banal aber wunderschön: "Blue Eye"

Was sich über das ganze Land konstant gehalten hat, ist der typische Gruß in Albanien. Statt einfach "Hallo" zu sagen, fragt man dort nach dem Wohlbefinden des Gegenübers.

"How are you?"

"Wie geht's dir?"

Dieselbe Frage jedes mal, wenn ich von den Angestellten in den Hostels begrüßt wurde, ein Lokal betrat oder auch in einen Supermarkt ging. Allgemein sehr herzliche Menschen, die Albaner. Ich finde es durchaus schade, dass ich mir nicht die Gelegenheit, mehr davon zu erleben einräumte, denn es trieb mich auch etwas weiter.

Mit doch noch vielen schönen Eindrücken gesegnet verließ ich Albanien nach nichtmal einer Woche Aufenthalt nach Griechenland. Ich sehne mich schon lange nach Gyros Pita mit dick Tsaziki...

Nach albanischer Tradition: Mir geht's gut! :)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bis zum nächsten Mal,