Zitronenbaum

...ALLES ist irgendwie anders gekommen.

Einfach sollte es sein: rein, Geld machen, weg. Ohne großen Hokuspokus. Naja, der allererste Plan für Australien sah ja völlig anders aus als das, was ich nun eigentlich mache. Ursprünglich wollte ich hier maximal 3 Monate verbringen, etwas Geld für 1-2 Flüge verdienen und das sollt's gewesen sein. Da sich meine Pläne für die gesamte Reise aber nunmal krass erweitert haben, ist die Nachfrage nach Reisebudget eben auch erweitert.

Es gab so viele Gründe, meine Zeit hier so kurz zo halten wie nur irgendwie möglich, denn auf so Vieles von dem, was passiert ist hatte ich so gar keine Lust - und nun muss ich auf eben jene Dinge zurück blicken.

Der Reihe nach.

Meine Ankunft in Australien stand zunächst unter einem sehr guten Stern: Start in Melbourne, wo die Jungs von "Commuter Cycles" bereits mit meinem Ersatzrahmen (siehe Rahmenschaden aus Japan) auf mich warteten und eben diesen auch professionell getauscht haben. Zu meiner Freude zu dem Tarif, den ich mir zuvor ausgemalt hatte und mein zweiter Ersatzriemen war auch dabei.

Satte Anderthalb Monate verbrachte ich in Melbourne auf einiges an Bürokratie wartend. Für den arbeitswilligen Reisenden muss ein Bankkonto eingerichtet werden, eine Art Steuernummer und noch irgendein Unfug, den man  für etliche Tätigkeiten nötige Kurse angeben muss. Dies alles hat lang auf sich warten lassen, doch dies war zumindest finanziell in diesem teuren Land kein Problem: Jas, mein indischer Gastgeber und seine Familie haben mich in ihrem Eigenheim in Tarneit, einem westlichen Vorort von Melbourne höchst gastfreundlich empfangen und so lange bleiben lassen wie es eben nötig war. :)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Während dieser Zeit lief auch meine Bewerbung für einen großartigen Platz zum Geld machen; in Westaustralien stand die Getreideernte bevor und gesucht wurden tausende Helfer zum Betrieb der Ernteannahmestationen. Ich war mit meiner Bewerbung erfolgreich und wurde zur Einweisung eingeladen. Diese war für Anfang Oktober angesetzt und es war gerade Ende August.

Der Radelman, mein Tauchpartner und Mitradreisender hielt sich bereits in Perth, Hauptstadt Westaustraliens, auf. So lag es nahe, mich dorthin zu gesellen und zu schauen, dass wir zuvor schon etwas Geld zusammenkratzen.

In mehr als einem Monat in Perth gelang es uns beiden nicht, auch nur einen miesen Dollar zu machen, aber wir hatten zumindest Gelegenheit uns etwas in der Gegend umzusehen und Orte wie Rottnest Island zu besuchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nie zuvor war ich so lange in einem einzigen Hostel wie im Shiralee! Über diese Zeit habe ich einige tolle Leute lieb gewonnen und ließ sie nur ungern zurück, als es dann doch endlich losgehen konnte:

Aufbruch zur Arbeit! Es war Oktober und ich hatte 4-5 Tage im Sattel auf dem Weg dort hin vor mir.

Viel zu sehen gab es unterwegs nicht; Australien ist abseits der Küsten unfassbar langweilig. Die mehr als zwei Monate ohne Radfahren forderten zudem ihren Preis und ich kam deutlich mühevoller durch als gedacht.

Die Einweisung in meinen Erntejob war extrem einfach; es war wirklich keinerlei Hexerei die da geschehen sollte. Umso schöner die Vorstellung vom drohenden Reichtum: in den vermuteten 3 Monaten Arbeit würde ich ohne Kosten für Unterkunft gute 25.000Dollar machen. Das allein hätte gereicht um alle meine für den Rest der Welt nötigen Finanzen zu decken und ich hätte bereits im Dezember verschwinden können! Daraus wurde leider nichts.

Uns wurde gesagt, dass es dieses Jahr wegen Frostschäden schlecht aussehen würde und der Erntestart sich verzögern würde.

Scheiße. Letztendlich also erstmal für Nichts dort hin geradelt. Die Wartezeit musste überbrückt werden, also begab ich mich fix nach Albany, einer der größten Städte der Region um dort zu gucken, was ich machen kann.

 

Albany.

Es war NIE geplant dort hin zu gehen und nun habe ich dort unfassbare 5 Monate verbracht!

Nach 4 Wochen hilflosem Rumsitzen und Warten auf den Anruf der Erntetypen bekam ich zumindest Arbeit auf einem Weinberg ("Berg"...). Nicht um zu ernten, sondern um ein ganz neues Feld anzulegen mit allem was dazu gehört: Land vermessen, Markierungen setzen, Sätzlinge pflanzen und pflegen. Zum Ende noch eine Woche Flaschenabfüllung des zuletzt gekelterten Weins. Als Lebensmitteltechnologe hatte dies den Beigeschmack von Fortbildung, war also gar nicht so übel - von den spätpubertären Idioten aus Deutschland und England, mit denen ich da arbeiten musste, mal abgesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Spaß musste aber natürlich zuende gehen und gerade als er das tat, kam die vernichtende Email: Die Getreideernte fällt aus. Es ist so wenig übrig geblieben, dass nur ein kleiner Bruchteil des Personals benötigt wird und ich bin eben nicht dabei. Scheiße!

So fand ich mich dann plötzlich in der selben Situation wie etliche andere im Hostel wieder: dringender Bedarf an Geld und an Farmtagen. "Farmtage" sind Arbeitstage unter bestimmten Bedingungen; meistens abhängig von der Postleitzahl. Üblicherweise geht es darum um Arbeit, die die feinen Australier nicht machen wollen, also ist das meistens Farmarbeit. Und wenn man während des ersten Arbeitsvisums 3 Monate Farmarbeit gemacht hat und nachweisen kann, bekommt man ein zweites Jahr ermöglicht - und so wie es mit den Finanzen steht und den für zukünftige Reiseziele übliche Regenzeiten aussieht, werde ich das dringend brauchen!

Also habe ich es den lieben Leuten im Hostel gleich getan und mich nach einigen Wochen Arbeitslosigkeit auf den lokalen Schlachthof begeben und dort für zwei Monate Schafe zerlegt. Klingt fieser als es tatsächlich ist; meine Erwartungen waren stets weit schlimmer als die Realität. Noch mehr lebensmitteltechnologische Fortbildung für mich!

Lustig ist, dass ich bisher immer meinte "Wenn ich in Norwegen bin will ich aber keine Fische verarbeiten!" weil ich das für zu eklig hielt. Und nun schauen wir mal, was ich bereits 2 Monate ohne aufzustoßen gemacht habe. So einfach erweitert sich der Horizont!

Die Zeit in Albany hat sich entgegen der weltweiten Berichterstattung zu den klimatischen Vorgängen in Australien echt aushalten lassen. Während weite Teile des Kontinents die härteste Dürre seit Jeher zu ertragen hatten und der Norden nach extremen Regenfällen unter Wasser stand (70% aller Rinder sind ertrunken), haben wir im äußersten Südwesten des Kontinents gemütlich das getan, was man bei meistens 25° und Sonne am Wochenende so macht:

am Strand rumliegen. Und den Asiaten sagen, dass es unhöflich ist, sehr schlechte Musik sehr laut laufen zu lassen, wo andere Ruhe haben wollen. Weihnachten mit Menschen, die man auch ohne Blutsverwandtschaft als Familie bezeichnet, mein 30. Geburtstag und natürlich auch einige andere Geburtstage.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als ich nun meine für mein zweites Arbeitsvisum nötige Farmtage zusammen hatte, konnte ich Albany verlassen um andere Gelegenheiten wahrzunehmen.

Oben schrieb ich, dass es Gründe gab meine Zeit in Australien zu begrenzen und dass ich auf diesen Horror nun zurückblicken muss.

Ich erinnerte mich an meine erste Ausbildung, den Lebensmitteltechnischen Assistenten nebst Fachabitur. Im Verlauf des letzten Jahres stellte sich mehr und mehr heraus, was für einen im praktischen Sinne Schwachsinn wir uns da antaten und fühlten uns reichlich von den Versprechungen seitens der Schule verarscht. Später fingen zwei Kumpels und ich an, in den Pausen auf dem Flur vor den Klassenräumen den Refrain des Klassikers "Lemon Tree" zu singen, so verarscht fühlten wir uns.

Australien hat vor allem viel Gegend

Ungewohnte Flora

Der Klassiker unter allen Fotos von Australien

Melbourne ist so öde wie Städte nunmal sind. Der Spätwinter, zu dem ich ankam versetzte mich allerdings regelrecht in Weihnachtsstimmung

Sturmfrisur :)

Quokkas leben ausschließlich auf diesem kleinen Eiland. Die Besucherströme haben die kleinen Wonneproppen in Nachtischgröße zutraulich gemacht; dennoch habe ich es vorgezogen auf affige Selfies zu verzichten - die werden schon genug belästigt

STRAND! Geeeiiiiill

...für den weit herumgekommenen Weltradler nix Neues. Augen zu

Ein wunderschöner Sonnenaufgang auf dem Weg zur Arbeit - für 6000 Schafe an diesem Tag der letzte

Willis freute sich über seinen 25. ein bisschen mehr als ich mich über meinen 30. ;)

Fools Garden - Lemon Tree
00:00 / 00:00

Ich wäre nun nicht aus Albany verschwunden, wenn es mir wirklich gefallen hätte. Hat es mir nicht. Genau wie ich es zumindest für den Verlauf meiner Reise nicht wollte stürzte ich in Muster, die ich hinter mir gelassen zu haben hoffte.

Meine Zeit in Albany hat mich in vielen Punkten an alte Zeiten erinnert. Irgendwie fühlte ich mich verarscht. Und so war es kein Wunder, dass dieses Lied für Monate in meinem Kopf ein und aus ging.

So sehr ich sie auch im Verlauf von bis zu 5 Monaten in's Herz geschlossen habe: es sind Menschen, die meinen dunkelsten Abgrund dazu bewegen meine Gedanken zu überwältigen und meinen Alltag zu beherrschen. Niemals tun sie das bewusst und ich bin mir sicher, dass niemand meiner Freunde in Albany weiß, was mich lange Zeit dort bedrückt hat, aber zu ändern ist es eben doch nicht und niemals würde ich Vorwürfe machen. Das ist allein mein Problem.

Frostschäden in Australien (auf dem Schlachthof fing jemand mit mir an, der den Job noch bekommen hat - für zwei Wochen, mehr war nicht zu Ernten. Gelogen war dies also nicht), ein Leben bestehend aus Arbeit, nach Hause kommen und Langeweile haben, weil Albany unglaublich langweilig ist und wenn das Wetter passt halt mal zum Strand. Doch der Sommer endet und damit blieben zuletzt auch die sonnigen Wochenenden aus. Menschen, die diese versteckte, dunkle Ecke hervorkommen lassen, wie es etliche Jahre nicht mehr passiert ist und Langeweile. Selbst der schlimmste aller Fehler, den Mann auf Weltreise machen kann ist mir unterlaufen - verliebt habe ich Ochse mich! Einseitig, wie üblich. In diesem Fall aber mir sehr willkommen, is' 'ne andere Geschichte. Und auf den letzten Drücker. Rückkehr in meine alten Muster. Nie wieder wollte ich das und nun beherrscht dieser Unfug meinen australischen Alltag! Sollte so etwa das australische Abenteuer aussehen? Bin ich dafür um den halben Planeten gefahren?

Nicht verwunderlich, dass dieses Jahr für mich nicht besonders fröhlich gestartet ist.

Ich habe sogar jemandem im Hostel eine Prophezeiung dazu gegeben, als sie mir um 0Uhr fröhlich um den Hals fiel. Bisher musste ich leider leider sehr richtig damit liegen. Das Jahr ist noch lang...

Und dieses Gefühl, mit dem was ich hier in Australien tue erschreckend nah an dem zu leben, was ich nie wieder leben wollte, hört einfach nicht auf. Auch, weil ich augenscheinlich gelernt habe, mich selbst zu verarschen, denn nachdem ich mich von den Menschen, die in mir alte, geistige Nackenschläge auslösten und mir über die Zeit doch so wichtig geworden sind verabschiedete, musste ich mich zusammenreißen, den Fahrer des Busses, welcher mich vor wenigen Tagen nach Perth gefahren hat nicht anzubrüllen um mich wieder raus zu lassen.

Nun sitze ich hier in Perth, versuche möglichst viel Zeit mit alten Freunden aus den 4-5 Wochen aus dem letzten Jahr hier zu verbringen und blicke meinem Flug entgegen.

Dieser Flug findet ungewohnterweise ohne mein Fahrrad statt, heißt, der Flug geht in zwei Richtungen. Abhängig von dem, was in zwei Wochen geschieht, bin ich mehr oder weniger bald zurück, gucke mir kurzzeitig wieder diesen Zitronenbaum an und ziehe weiter wohin, wo ich meine Reise hoffentlich ohne saure Zitronen finanzieren kann.

"I wonder how,

I wonder why...

yesterday, you told me

'bout the blue, blue sky.

And all that I can see

is just another lemon tree!?

I'm turnin' my head up and down,

turnin', turnin', turnin', turnin', turnin' around...

and all that I can see,

and all that I can see,

and all that I can see,...

...is just a yellow lemon tree.