Erstens kommt es anders...

China. Ein Name, den jeder Mensch früh in seinem Leben durch welche Zusammenhänge auch immer lernt, einem fremden Land in weiter Ferne zuzuordnen. Einem Land, welches so viel anders ist als alles, was wir im Westen kennen und als normal betrachten.

China wird mit Mysterien und Legenden in Verbindung gebracht; bei dem Namen "China" gehen einem Bilder von nebelverhangenen, grünen Landschaften und schartige Gebirgsspitzen durch den Kopf, Reisstrohhüte und Wasserbüffel auf Reisterrassen, geschwungene Dachkonstruktionen auf farbenprächtigen Bauten in eigenwilliger Architektur, Menschen, die ihr Leben in Klöstern verbringen und es der Kampfkunst und / oder dem Glauben widmen und zu schier unmenschlichen Fähigkeiten gelangen.

Ein Land, welches umringt von hohem Gebirge wie dem Himalaya und auf der anderen Seite an den Ozean grenzend eine jahrtausende alte Kultur in relativer Abschottung vom Rest der Welt entwickelt hat.

Viele Menschen sehen China teilweise auf Bildschirmen, gelangen jedoch niemals dort hin.

Ich bin da.

Und verdammt, wie sehr können Vorstellungen enttäuscht werden!

Auf meinen Reisen bin ich nun schon durch so einige Länder gekommen, doch China übertrifft soweit alles, und zwar in jeder Hinsicht. Dazu zählt auch, dass meine Ansichten zu dem Land so weit auseinander driften wie bei keinem anderen Land der Welt, das ich bisher gesehen habe.

Von China habe ich geträumt, da lernte ich noch das große 1x1 in der Grundschule (ob ich schon davon geträumt hab, als ich das kleine gelernt hab, weiß ich nicht mehr). Meine Träume und Vorstellungen erreichten ihren Höhepunkt kurz vor meiner Abreise und die Vorfreude auf mein lang ersehntes Ankommen machte mich so manche Nacht beinahe schlaflos. Doch wie das manchmal so ist, werden Träume schonmal enttäuscht - oder sagen wir besser: die Realität verdrängt die Wunschvorstellungen.

Dass ich nicht gleich nach dem Grenzübertritt wunderschöne Shaolin-Klöster inmitten vernebelter Gebirgswälder sehen würde war logisch. Diese Vorstellung wurde also nicht enttäuscht, als ich von Kirgisistan aus über die Grenze kam. Provinz Xinjiang. Über den Grenzübertritt kann man eigentlich nur eines sagen: irre!

An der eigentlichen Grenze interessiert man sich VOR meinem Aufenthalt in China für Fotographien von China und eventuell sensiblen Technologien und Gebäuden. Also fuhr man meinen Laptop hoch...niemand konnte irgendetwas lesen, geschweige denn Bilder von China finden. Überraschung! :)

Diese Grenze hat eine Besonderheit: sie ist zweigeteilt. das bedeutet, dass es eine greifbare, sichtbare Grenze gibt (dort, wo die böse guckenden Jungs mit den Waffen stehen) und eine bürokratische. Zweitere ist weit mehr als 100km von der realen Grenze entfernt und man wird gezwungen(!) ein Taxi zu nehmen um dort hin zu gelangen. Wie man das macht? Ganz einfach, Vorenthalt des Reisepasses, bis man im Taxi sitzt. Nach langer Fahrt kommt man schließlich an die bürokratische Grenze, wo man dann seinen Einreisestempel bekommt und ab sofort mehr oder weniger frei ist.

Spät und ermüdet kam ich also zusammen mit anderen über diese Grenze eingereisten Reisenden in Kashgar, der ersten großen Stadt ganz im Westen Chinas an. Dort ist China nicht gleich China. Das hat verschiedene Gründe:

Zum Einen liegt Kashgar dermaßen weit im Westen, dass man nicht von "Fernost" sprechen kann. Es ist praktisch noch Persien, was man auch an der lokalen Architektur und Kultur sieht. Persische Altbauten, Moscheen, Islam. Ohne die verräterischen Schriftzeichen kommt man nicht darauf, es hier mit China zu tun zu haben.

Zum Anderen liegt Kashgar in der Provinz Xinjiang. Dort hat es ein Typ in den Chefsessel geschafft, der vor irgendetwas Angst hat. Oder einfach nur 'n dicken Larry raushängen lassen will. Das äußert sich durch Polizeiabsperrungen wohin man nur sieht, Polizeikonvois, die in Schritttempo durch Hauptverkehrsadern der Stadt rollen um Bösewichten Angst zu machen und so ganz nebenbei den Verkehr komplett zum Erliegen bringen, knuffige Minipolizisten mit zu großen Helmen und Schilden (die laufen da standardmäßig rum wie in Deutschland das SEK) überall und: Checkpoints.

Allein zwischen der realen Grenze und Kashgar sind wir durch SIEBEN militärische Checkpoints gekommen. Und es gibt zwischen diesen beiden Punkten nur diese eine Straße, keine Möglichkeit von sonstwoher zu kommen. Es scheint also logisch zu sein, jeden gleich sieben mal zu kontrollieren...wer weiß, was zwischendurch passiert ist? Vielleicht sind dem chinesischen Radar einige B52 Bomber entkommen, welche Reisenden mit Fallschirmen Waffen und Sprengkörper zukommen lassen?

...

Genug der Witze über die Ausartungen perversen Überwachungswahns. Dieser fand zum Glück ein schnelles Ende, denn wie man mir vorher versprochen hat, findet sich dieser wirklich nur in dieser einen, von einem Wirrkopp regierten Provinz - und das hat sich bestätigt. Gleich, nachdem ich aus dem Zug gestiegen bin. In Xi'An. Nach 52 Stunden.

Ja, ich saß gottverdammte 52 Stunden in einem Zug von Kashgar nach Xi'An! Die Landschaft zwischen diesen beiden Städten habe ich zuvor zu Genüge in den Wüstenstaaten gesehen; es gab nicht den geringsten Grund, mir das auf zwei Rädern anzutun. Derartige Verschwendung von Lebenszeit kann man sich nicht leisten, wenn man davon ausgeht, nur ein Leben zu haben!

Mehr als zwei Tage in einem Zug mit Menschen von einem Schlag, den ich in China nicht erwartet habe.

Chinesen. Wie gern würde ich nun einfach schreiben können:

"Sie springen wirklich über die Dächer um sich fortzubewegen!"

Kann ich aber nicht. Im Gegensatz zur Vorstellung der durch die rosarote Brille betrachteten tollen Welt, von der viele Weltreisende in ihren Blogs berichten, halte ich mich nicht mit den unschönen Wahrheiten zurück. Wie es bei jedem anderen Land auch ist, muss man auch für China anmerken: es gibt nicht DEN Chinesen. Das ist alleine schon wegen der schieren Größe des Landes unmöglich, regionale Unterschiede sind vorprogrammiert. Gewisse Eigenheiten ziehen sich aber durch das ganze Land und ich komme nicht umhin zu bemerken, dass ich das nicht erwartet hätte...

- sie husten und niesen ungehemmt anderen Menschen ins Gesicht (im krassen Gegensatz dazu sieht man viele Menschen mit Atemschutzmaske)

- sie ziehen kraftvoll allen Rotz aus den Tiefen des Halses und spucken ihn klatschend wohin ihnen der Sinn steht (das gilt auch für den Boden im Restaurant)

- sie verstehen nicht, dass sie für offensichtlich Fremde nur chinesisch sprechen, auch nicht, wenn man fünf mal und häufiger mit fragender Gestik klar gemacht hat, nicht ein Wort zu verstehen

- sie spucken Essensreste im Restaurant auf den Boden

- sie rauchen im Inneren von allen Gebäuden, auch wo es nach einem Schild zu urteilen nicht erlaubt ist

- sie verrichten alles andere als sorgfältig versteckt ihr Geschäft am Straßenrand - ihre Kinder hocken sich auch mitten in den Städten stumpf auf den Bürgersteig neben die Leute, die am Tisch sitzen und frühstücken und lassen laufen

Diese Auflistung könnte ich noch eine Weile weiter führen. So viel Negativität muss aber nicht sein, ich fasse es mal so zusammen: Barbaren.

Aber wie bereits erwähnt ist das natürlich nicht allgemeingültig und längst nicht alles, was man an und in den Chinesen finden kann! Denn wie das auf Reisen so ist, gerät man schonmal in Schwierigkeiten, aus denen man ohne einheimische Erfahrung nicht heraus kommt - genau jene Spezialität ist es, welche mich hier ebenso verwundert wie oben genannte Barberei. Dazu später mehr.

Xi'An also. Die erste große Stadt 52 Stunden Zugfahrt im Osten. Es hat mich getroffen wie der Donnerschlag! Viele die mich kennen wissen, dass ich Großstädte nicht leiden kann. Wüsten aus Stein, Stahl und Glas. Xi'An ist anders. Xi'An vermittelte mir zum ersten Mal in meinem Leben das Verständnis für das Verlangen, in einer Metropole zu leben - deshalb:

Xi'An war lange Zeit Chinas Hauptstadt und ist dementsprechend geschichtsträchtig. Von der alten Stadtmauer, welche die weltweit am besten erhaltene und soweit ich weiß auch längste ist, kann man einmal im Rechteck den Kern der Stadt umrunden und betrachten. Sogar mit dem Fahrrad kann man dort oben entlang fahren!

In den alten und bedeutsamen Städten des Landes versteht es China, auch bei neueren Bauten die für China so typische Architektur einzubinden. Überall finden sich Beispiele dafür und man scheint zu spüren, dass der Erhalt dieser Erkennungsmerkmale eine große Bedeutung hat.

Leider merkt man davon längst nicht überall etwas. Als Radreisender sehe ich die Welt zwischen den touristischen Hochburgen - und China ist groß. Dementsprechend gibt es eine große Welt zwischen den für ihre Schönheit bekannten Flecken des Landes. So muss ich leider sagen, dass ich zum Großteil bisher in einer Welt unterwegs war, die zumindest ich nicht erwartet habe.

Gleich nachdem ich Xi'An gen Osten verließ zeigt sich das Land in dieser Gegend in all dessen, was es (aktuell) ist:

Baustelle.

China, das wohl reichste Land der Welt, riesengroß und wie an Beispielen wie der Hauptstadt gut zu erkennen ist hochtechnisiert, ist vor allem eines: Entwicklungsland.

Bilder von Städten bestehend aus Wolkenkratzern und Menschen, die sich mit Segways fortbewegen sind nur an wenigen Orten machbar, wenn man die Größe des Landes bedenkt. Und zwischen diesen Städten, die der ganzen Welt bekannt sind, ist China eben jenes Entwicklungsland. Und WIE es sich entwickelt!

Von den ersten sechs Wochen, die ich nun unterwegs war, fuhr ich mehr als fünf durch von Baustellen geprägte Regionen. Immerzu umgeben von lauten und unter dem Hashtag #nofilter laufenden LKW's mit Baumaterial.

China baut, und das nicht zu knapp! Schon am zweiten Tag nach dem Verlassen Xi'Ans habe ich mich nicht mehr erschrocken, wenn ich plötzlich Wolkenkratzer sah, wo keine sein sollten.

Kein Scherz! Dort, wo laut meiner Karte nichts außer der Straße sein sollte schossen plötzlich ganze Städte aus dem Boden - als Baustellen. Blockweise entstehen exakt gleich aussehende Wolkenkratzersiedlungen, die Infrastruktur längst vollständig und in Betrieb.

Von Xi'An bis nach Beijing, von dort bis weit in den Süden kurz vor Shanghai: China ist voll von Stadtbaustellen. Es entstehen Städte wie in Deutschland Häuser gebaut werden. Geisterstädte, die darauf warten bewohnt zu werden. Namenlos, geschichtslos. Seelenlose Immobilienansammlungen. Diejenigen, welche bereits über Bevölkerung verfügen, wirken charakterlos. Man spürt, welchen Unterschied es macht, wenn eine Stadt Geschichte aufzuweisen hat oder nicht. Dutzende Male bin ich durch solche Orte gefahren, so ganz daran gewöhnen konnte ich mich noch nicht.

Zum Großteil sieht China zwischen Xi'An und Beijing und von dort aus weit südwärts so aus

Eine riesige Entwicklungszone. Plötzlich ergibt das barbarische Verhalten des Großteils der Bevölkerung einen Sinn, denn es konzentriert sich auch sehr auf die Region zwischen den weltbekannten Städten. Ich bin kein Psychologe oder Sozialforscher oder sonstwas in der Art, aber kann es sein, dass eine Bevölkerung vom eigenen Fortschritt abgehängt werden kann?

Ein Blick in's Geschichtsbuch: "neulich" hat ein Herr Mao ein paar Millionen Chinesen getötet, um China in die Moderne zu führen. Vorher war China das, was ich ganz oben beschrieben habe. Dazu: die Menschen arbeiteten auf ihren Feldern und kümmerten sich um ihr Vieh. Innerhalb einer vielleicht nicht so gesund kurzen Zeitspanne schwang China sich zu der Macht auf, wie wir sie heute kennen. Dieser Fortschritt verteilte sich auf sehr wenige Generationen. Derartige Technisierung dauerte überall sonst in der Welt mehr als ein Jahrhundert!

Vielleicht sind die Menschen mit der Entwicklung zur fortgeschrittenen Zivilisation noch nicht ganz mitgekommen. Es fällt jedenfalls auf, dass vor allem ältere Generationen zur oben beschriebenen Barberei neigen.

So erfuhr ich also in aller Härte den Nachteil meines Reisestils: mitten durch alles, was nicht schön ist. Die ganze im Osten gelegene Landschaft hat allerdings einen fantastischen Vorteil: sie ist flach wie ein Brett. Sagenhafte 40 Höhenmeter verteilt auf 110 Tageskilometer sind so etwa der Durchschnitt. :) Da rollt es sich sehr entspannt durch die Gegend - zu den Schönheiten!

TATSÄCHLICH! Es gibt sie! So negativ meine Erzählungen zu diesem Land, in dem ich kaum schnell genug ankommen konnte bisher ausgefallen sind: China hat Schönheit zu bieten, die Bilder aus dem Fernsehen und Internet sind keine Fälschungen!

Gleich nach Xi'An führte mein Weg mich durch die platte Baustellenlandschaft zu uralten Palastanlagen längst vergangener Dynastien und natürlich zur nahe gelegenen Ausgrabung der Terrakotta-Krieger:

"Gleich im Anschluss": Hua Shan, einer der heiligen Berge Chinas! Es gibt eine Reihe heiliger Berge aus dem Daoismus und dem Buddhismus, die Zuordnung der heiligen Berge weiß ich natürlich nicht...was ja auch egal ist angesichts der Ausblicke :)

Die Wanderung auf den Hua Shan beginnt, wenn man nicht die Gondelbahn nimmt, mit einem Spaziergang durch den Jadefrühlingtempel:

Anfangs ging es Schlag auf Schlag: grob alle zwei Tage Ankunft an einem Ort mit etwas besonderem.

Nachdem ich den ersten heiligen Berg erwanderte, folgte bald meine Ankunft in Dengfeng. Hier hoffte ich das tun zu können, wovon viele Kampfkünstler mal träumen: Training in einem Kloster der Shaolin!

Dengfeng ist ein einziges Zentrum für Kung Fu. Hier befindet sich nicht nur ein Kloster der legendären Mönche sondern auch große Akademien, an denen Menschen im Kindesalter einquartiert werden um die hohe Kunst des Kung Fu zu erlernen, was hierzulande als Garant für beruflichen Erfolg gilt. Als Kind Kung Fu gelernt zu haben hat in China noch heute einen hohen Stellenwert, und alle Eltern die es bezahlen können, kaufen damit ihren Sprösslingen eine gute Zukunft. Bezahlen können. Ja, das muss man können...mehr als 40€ pro Tag hätte ich zahlen müssen, wenn ich auch nur etwas Tai Chi hätte lernen wollen - und dann hätte ich nichtmal was zu Essen gehabt.

Solang ich also nicht im Lotto gewonnen habe oder eines Tages als Norweger im globalen Durchschnitt reich geworden bin und damit einen "Urlaub" verbringe, bleibt Kung Fu in einem chinesischen Kloster der Shaolin das, was er seit vielen Jahren ist: ein Traum. Nichtsdestotrotz hatte ich Gelegenheit, den Alltag der Schüler zu beobachten und mich in den Anlagen umzusehen: