Das Beste kommt zum Schluss

Ich hab's ja versprochen.

Zur Halbzeit kündigte sich eine große und sehr willkommene Wende im Erlebnis meiner Reise durch China an. Diese Ankündigung wurde eingehalten und erfüllt.

Zu meinem Leidwesen muss ich gestehen: der ursprüngliche Plan, die nun folgenden Regionen mit dem Fahrrad abzugrasen konnte rein zeitlich nicht funktionieren. Nachdem ich zwischen Beijing und Shanghai satte 4 Wochen verbracht habe, obwohl es auf der Karte im Vergleich zu der Strecke von Xian nach Zhengzhou eher nach 2,5 Wochen aussah, ich aber des Öfteren mehrfach an einem Ort übernachtet habe, war für diese Strecken, welche zusammen lockerst 2 Monate benötigen würden, nur noch zu träumen - es sei denn, ich übe mich wie zuletzt in Iran im Backpacking!

Eine unangenehme Wahrheit, welche ich bereits einsehen musste, als ich mich in der Region um den dritten heiligen Berg auf meiner Reise durch China, dem Huang Shan, "Gelber Berg", aufhielt.

Kennt ihr das, wenn ihr etwas seht und es einfach durch bloße Schönheit und Majestät Ehrfurcht gebietet und einem davon Tränen in den Augen stehen?

Nein?

Ich kenn' das jetz'.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So schickte ich also mein Fahrrad samt Taschen per Postzug nach Nanning, einer großen Stadt zwei Tagesritte von der vietnamesischen Grenze entfernt, von wo aus die Bus- und Zugreisen in die angepeilten Highlights problemlos sein würden.

Ich selbst reise nur kurz danach meinem Fahrrad hinterher und quartierte alles in dem Hostel mit dem sehr hilfsbereiten und freundlichen Personal ein, gleich nachdem ich vom Klima beinahe erschlagen worden wäre.

In Shanghai war ich mehr als eine Woche "gefangen", die goldene Woche, in der China den "Geburtstag" des Landes feiert, haben im wahrsten Sinne des Wortes Hunderte Millionen Chinesen gesetzlichen Urlaub und nutzen ihn um zu verreisen, bevor mit dem Herbst die vom Wetter abhängig beste Reisezeit endet.

Hunderte Millionen Chinesen. Mit Regenschirm (gegen die Sonne). Und Selfiesticks. Überall.

Ich kannte den Wahnsinn unglaublicher Menschenmassen bereits vom kleinsten Anteil der Bevölkerung, welcher im Sommer vor der goldenen Woche frei nimmt und das Land bereist. Beim Schlangestehen wird man von Regenschirmen in's Auge gepiekst und Selfsticks stoßen unablässig an den Hinterkopf, nachdem man einem anderen bereits mit einer kampfkünstlerischen Bewegung ausgewichen ist.

Zu Shanghai möchte ich hier nicht unnötig viele Worte verlieren. Diese Stadt ist genau wie die meisten bekannten Städte auf der Welt. Sie ist bekannt, weil sie zu einer Zeit, in der Städte noch einen anderen Charme hatten, bereits riesig und abgefahren war. Shanghai hat nichts, was man nicht auch woanders finden kann - und dieser Shanghai-Tower, mal eben das zweitgrößte Gebäude der Welt ist eben auch nur ein Wolkenkratzer unter vielen. Ich konnte dieser Stadt nichts abgewinnen und der kleine Komplex aus altstädtisch anmutenden Gebäude voll mit Schmuckläden und Fressbuden war vollkommen überrannt. Der einzige interessante Ort im Umkreis dutzender Kilometer.

Wenn selbst Einheimische sagen, dass man um Himmels Willen nicht zur goldenen Woche irgendwelche touristischen Highlights im Land besuchen soll, muss echt was dran sein und eine Steigerung dessen, was ich bereits kannte wollte ich mir nichteinmal vorstellen. Also entspannte ich eine Woche nicht besonders golden in Shanghai, welches nahezu ausgestorben war. Waren ja alle weg, nur wenige sind geblieben um diesen kleinen Altstadtkomplex zu sehen und noch weniger sind extra dafür hergekommen. Die meisten sind einfach weg. Dort, wo ich nach der goldenen Woche anreisen würde.

In Shanghai war das Wetter sehr angenehm, an der Küste ging frischer Wind und die Temperatur meist um die 20°C, mein Traumwetter, wenn man so will.

Nanning begrüßte mich mit Palmenwedeln, über 30° und einer Luftfeuchtigkeit wie in einem Gärschrank. Selten, dass man in einem Zug bessere Luft hat als draußen...

Wie gut, dass ich mich nochmal nach Norden verdrückte, bevor ich noch tiefer in den Süden reisen würde! :)

Das erste Etappenziel der Träume in Südwest-China: Guilin!

Guilin zeigt Anzeichen der für China typischen Karstgebirge und beinhaltet neben schönen Parks eine eher unscheinbare Palastanlage, auf der allerdings etwas abgehalten wurde.

Mangels Sprachkenntnisse konnte dazu nicht kommuniziert werden, also weiß ich leider nicht, ob das ein Aufnahmeritus für eine hohe Schule war, wie das in Teilen Asiens so gemacht wird, oder ob das ein Theaterstück war. Es war zumindest ulkig zu beobachten :)

Die Mädels hier erinnerten mit ihren Trachten erstaunlicherweise eher an die für Japan typischen "Miko", welche eine Art Priesterinnen an den weit verbreiteten Schreinen sind.

Die Pagoden von Sonne und Mond - wieso sie so genannt werden, erfährt man nach Sonnenuntergang...

Das Ding mit den bunt beleuchteten Parkanlagen ist in China weit verbreitet

Halbstarke Europäer schnitzten früher ihre Liebesbekenntnisse für die Ewigkeit in kräftige Baumrinde - die Chinesen haben dafür ihren Bambus

Guilin liegt gleich neben dem Traum von flachen Land mit den steilen Bergformationen wie einfach dahingestreut, reich begrünt mit üppiger Landwirtschaft, fruchtbar durch einen Fluss, welcher sich scheinbar ziellos durch die Silouetten schlängelt. Yang Shuo.

Von Guilin ging eine Fahrt mit einem Bambusboot bis weit in das Land um Yang Shuo. Die Umgebung selbst lies sich erstklassig von einem Leihfahrrad des Hostels erkunden :)

Viel zu erzählen gibt es nicht, die Bilder sagen eigentlich ziemlich alles. In der Gegend gibt es allerdings einen Tourie-Park, in dem man etwas über die Geschichte der Ureinwohner Chinas lernen kann, so man denn die Sprache spricht. Hier gibt es leider keine englischsprachigen Informationen dazu. Durchaus interessant; denn über die Zeit vor den Landsleuten, welche mit Strohhüten in den Reisfeldern standen und ihre Wasserbüffel ritten oder in den Bergen Kung Fu trainierten habe ich hier noch nie nachgedacht. So kann man in diesem Park mit reichlich Büffelschädeln und allerlei Krimskrams hergestellt aus Knochen und Hörnern einen groben Einblick über die "Neanderthaler" Chinas erhalten.

Nach dem Naturschock folgte unweigerlich der Kulturschock: Fenghuang, "Phönix".

Ich weiß nicht, wieso man eine Stadt als Phönix bezeichnet, aber es ist geil.

Die komplette Altstadt schmiegt sich dicht an den Flusslauf - und die Altstadt scheint den Großteil der Stadt auszumachen! Wer nach "typisch chinesischer Stadt an einem Fluss in den Bergen" sucht, ist in Fenghuang genau richtig. Stellenweise sind die Bauten allerdings zu Partytempeln umfunktioniert, was der Atmosphäre nicht unbedingt entgegen kommt. Das merkt man jedoch nur nachts, und es gibt hunderte Gassen voll mit Läden die die unterschiedlichsten Waren und auch Leckereien anbieten :)

Klingt am Tag eher ruhige und harmonische Musik im Ohr, während man sich so umsieht, ändert sich nachts mit dem Wandel der Stadt auch der Ohrwurm: