Arschlöcher und Superhelden;

Backpacker wider(?) Willen!

Das Erste, was mir in den Sinn kommt, wenn es darum geht von meiner Zeit im Iran zu erzählen ist die legendäre Gastfreundschaft der Perser - doch der Reihe nach.

Angefangen hat das Erlebnis dieser Gastfreundschaft schon in der Botschaft in Istanbul. Der Beamte strahlte förmlich durch das Fenster, als er sah, dass jemand von weit weg sein Land besuchen möchte. Dies war mein erster Botschaftsbesuch und ich kann mich nicht über negative Verbindungen damit beklagen. Gut, das mit den iranischen Feiertagen zu der Zeit, die die Dauer der Bearbeitung meines Visums unnötig in die Länge gezogen haben, gehört bestimmt nicht in die Kategorie "Oh, wie toll!", aber das ist nichts als eine Erinnerung zum Schmunzeln.

Als ich es dann schließlich hatte, durfte es gleich ab in den Osten gehen!

Die Möglichkeiten, um von Istanbul in den Iran zu gelangen sind mannigfaltig:

Da ist zum Beispiel der Trans Asia Express. Eine bekannte Zugverbindung, die mit einer Durchquerung Asiens in etwa so viel zu tun hat wie ein Zahnarzt mit der Bezeichnung "Arzt" (nah dran und doch nur so halb), denn sie geht lediglich von Istanbul bis Teheran.

Dieser Zug hätte drei Tage benötigt, um mich dort hin zu bringen und einen gewissen Betrag gekostet.

Andere Möglichkeiten stellen sehr bequeme Fernbusse dar. Große Sitze, Beinfreiheit - die Rede ist von "VIP Bussen". Ankunft nach zwei Tagen, denn diese Busse bleiben nicht hier und da einfach mal einige Stunden stehen und deutlich günstiger als der Zug - Jackpot!

Zeit habe ich genug verloren, es galt jeden Tag zu retten: zum Busbahnhof und einen Bus nach Teheran suchen! Eine Onlinereservierung war nicht drin, denn da war schon alles voll. Aber viele Leute meinten, die würden mich schon irgendwo mit rein nehmen und dafür noch regelrecht um mich kämpfen. Zahlende Kundschaft hat in der Türkei einen hohen Stellenwert.

Die Leute haben zumindest mit dem "Kampf" um mich Recht behalten: in Massen kamen die "Lotsen", wie ich sie nenne zu mir galoppiert und fragten energisch, wohin ich möchte. Mein Wunsch war scheinbar exotisch, also musste ich eben doch ganz schön suchen.

Wer suchet, der findet - ich nicht. Die ganzen iranischen Urlauber wollen nach Hause, genau dann, wenn ich auch dort hin will. Habe ich weiter oben erwähnt, dass das meine Art von Pech ist? Nein? Gut, dann hier.

Alternativplan basierend auf dem Tip der Hostelleitung: Bus nach Van und von dort aus, ich zitiere: "Kinderleicht einen Bus nach Teheran nehmen". Das Zitat ist wichtig, merken!

Einen Bus nach Van konnte ich schnell auftreiben und sogar einigermaßen zeitnah einsteigen - nachdem er zwei Stunden Verspätung hatte.

Im Bus dann das totale Chaos. Mehrfache Vergabe der gleichen Platznummer, sodass sich irgendwie arrangiert werden musste und ich lande ganz hinten bei den Familien. Diesen Menschenansammlungen mit einem gewissen Mindestanteil an sehr jungen Menschen, die noch nichts über das Verhalten gegenüber anderen Menschen wissen. Kinder.

Ich will's nicht leugnen, mit Kindern kann ich einfach nicht. Und wenn diese Quälgeister dann noch laut sind, brennt mein Geduldsfaden.

Besagte Kinder kletterten wild über die Fahrgäste im hinteren Bereich, was die Kühe dieser Kälber erst dann störte, als sie meinen dazu passenden Gesichtsausdruck wahrnahmen und dem Treiben Einhalt gebaten. Die Busreise schien dann doch angenehmer zu verlaufen als die erste Stunde vernehmen ließ.

Dann begann es. Das Orchester des Grauens. Der Chor des Teufels. Geschrei von Kindern mit Langeweile. Erstaunlicherweise war die liebe Mutter schneller genervt als ich. Es gab einen Satz heiße Ohren und es war wieder Ruhe. Kurze Lektion, schnell gelernt. Äußerst fragwürdige Erziehungsmethodik, wie selbst ich finde, aber über die langfristigen Folgen solch physisch fokussierter Pädagogik müssen sich später die Eltern den Kopp zerbrechen. Mir war nur wichtig, dass Ruhe war.

Der Rest dieser Reise war eher unspektakulär. Meine Blicke aus dem Fenster wurden zunehmend gleichgültiger - meine leichte Niedergeschlagenheit, eine derartige Distanz aus bekannten Gründen nicht zu radeln wandelte sich recht flott zu "Mann, bin ich froh, das nicht radeln zu müssen."

Ich kann nur für den Teil sprechen, den ich gesehen habe, aber das entsprach komplett allem, was mich nicht die Bohne reizt. Das wäre zusammen mit den Temperaturen und Versorgungsmöglichkeiten eine Tortur über drei bis vier Wochen gewesen. Gut, dass ich das überspringen konnte!

Nächsten Tag am späten Nachmittag Ankunft in Van. Gleich am Busbahnhof nach einem Bus nach Teheran gefragt und niederschmetternd erfahren, dass es einfach keine gibt.

Ich stand also am EINZIGEN Busbahnhof in Van und dieser bot keinen Bus. Wir erinnern uns an das Zitat weiter oben, gell?

Man verwies auf einen Taxistand. Die Leute dort verwiesen mich in eine grobe Richtung, mitten durch die Stadt. Laut Karte kein weiterer Busbahnhof, schon gar nicht in der Richtung. Vor einem Hotel saßen zwei Männer, welche mich ansprachen und helfen wollten. Deren Tip, einfach mal in diesem Hotel nach sowas zu fragen war gut!

"Morgen früh, zwischen 8 und 9 Uhr von hier vor dem Hotel. Nach Täbris, nicht Teheran!"

Einigermaßen präzise Information, damit kann ich arbeiten! Dann halt in Täbris, immerhin einer großen Stadt, einen weiteren Bus suchen, das sollte kein Problem darstellen.

Mit den notierten Informationen zum Hostel und dort die Nacht verbracht. Auf dem Zimmer lernte ich zwei iranische Brüder kennen, welche grad auf dem Heimweg aus dem Urlaub sind. Nachdem ich erzählte, dass ich nach Teheran möchte, stand für die Brüder gleich fest, dass sie meine Gastgeber sein werden. Persische Gastfreundschaft, da ruft sie schon wieder :)

Wie schicksalhaft diese Begegnung war, sollte ich den nächsten Tag erfahren...

Typisch deutsch stand ich noch vor 8 Uhr vor dem Hotel, von wo der Bus los fahren sollte.

Gegen 8:45Uhr wird mir gesagt, der Bus verspätet sich bis 10 Uhr. Na gut...die Zeit wollte ich zum norwegisch lernen nutzen - und stellte fest, dass das Buch weg ist! Siedend heiß schoss mir das Bild von dem Moment, an dem ich das Buch außerhalb der Tasche in der Gepäckablage verstaut habe, durch den Kopf.

Scheiße! Ab zum Busbahnhof!

Alles Nachfragen half nichts, man hat nichts in der Fundstelle (ich war schon überrascht, dass die dort sowas haben). Auf meine Bitte, den Bus nochmal zu durchsuchen wurde festgestellt, dass der Bus schon wieder weg ist - aber nicht auf dem Weg nach Istanbul, sondern zum Service bei Mercedes, 2km die Straße runter. Der freundliche Herr vom Schalter, Mehmet beim Namen genannt, nahm mich direkt mit seinem eigenen Auto dorthin mit und tatsächlich konnte ich in den Bus und fand dort mein Buch! Das wäre eine Katastrophe gewesen, hätte ich nicht weiter lernen können, bevor ich in das Land meiner Träume einreise! Aber Mehmet hat mich gerettet :)

Schnell zurück zu dem Hotel und warten.

Kurz vor Zehn stand plötzlich die Dame vom Empfang neben mir und erklärt mir, dass "dieser Freund hier" mir helfen wird. "Freund". In einem Land, in dem mich der "Lotse" von JEDEM VERDAMMTEN RESTAURANT mit "Hallo mein Freund" anquatscht, um mich an einen Tisch zu kriegen, ist diese Bezeichnung dramatisch überstrapaziert.

Übrigens: Im Hostel in Istanbul lernte ich einen Einheimischen auf Reisen kennen. Mit dem habe ich mich über die penetranten Anwerber unterhalten und ihn selbst widern sie auch an. Später erzählte er mir von einem Zeitungsartikel von einigen Türken, die deswegen verhaftet worden sind, weil sie es übertrieben haben. So viel zu "Wer es haben will wie Zuhause, soll dort bleiben.".

Die Informationen rund um die Weiterreisemöglichkeiten haben sich bisher ausnahmslos als unzuverlässig erwiesen und mir dämmerte allmählich meine Freude über meine relative Unabhängigkeit von solchen. Wie machen das Vollzeitbackpacker? Diese Art zu Reisen basiert zu 100% auf zuverlässigen Informationen rund um Abfahrtort- und Zeit der öffentlichen Personentransporte. Wie oft wird man da enttäuscht? Mir ging ja schon dieser Vormittag auf den Zeiger, für mich unverstellbar, komplett und für Monate, wenn nicht gar Jahre von sowas abhängig zu sein!

Besagter "Freund" führte mich dann wortlos einige Hundert Meter die Straße runter um eine Ecke zu einem Reiseunternehmen. Von hier soll dann um 11Uhr ein Bus nach Täbris gehen. Also noch später...

Aus 11Uhr wurde dann 12Uhr. Noch mehr unzuverlässige Informationen, großartig.

Tatsächlich wurde es beinahe 13Uhr, bis der Bus da war und alle drin saßen. Froh und erleichtert ging die Fahrt los - endlich auf in den Iran!

An der Grenze dann der Wahnsinn: Allemann aussteigen, Gepäck zur Kontrolle mitnehmen und da durch!

Wie bereits mehrfach erwähnt, war die iranische Urlaubszeit zuende. Die Grenze voll mit Hunderten Menschen.

"Auch mein Fahrrad?"

"Ja!"

Dieses war aus Platzgründen in drei Einzelteile zerlegt. Als ich gerade anfangen wollte, es zusammen zu bauen, damit ich nicht 6 Taschen und 3 Radteile rumschleppen muss, machte ein Grenzbeamter Druck, ich solle alles einfach so rüber tragen.

Ganz fantastisch, jeder kann sich vorstellen, wie das abgelaufen ist. Ich musste sogar NACH Erhalt des Ausreisestempels (und Erhalt des Einreisestempels in den Iran) zurück auf türkischen Boden um nach und nach meine Sachen rüber zu schaffen. Durch eine ungeduldige Menschenmasse.

Insgesamt vier Mal habe ich die Grenze überschritten, bis man mir sagte, ich hätte auch einfach auf einer Seite lassen, den Stempel kassieren und dann alles durch den breiten Fahrzeugdurchgang bringen können.

"Keine Taschenkontrolle?!"

"Nö."

Ich hätte jemanden töten können. Einfach aus reinstem Zorn.

Als ich dann alles drüben hatte, der Hammer: mein Bus war weg. Ich habe offenbar lange genug gebraucht, dass man mich da einfach hat stehen lassen. Diese Schweine. Und ja, angesichts der kulturellen Umstände habe ich ein moralisch verwerfliches Vergnügen an der bewussten Nutzung des Ausdrucks "Schwein"!

Da stand ich nun also völlig überladen mit meinen Habseligkeiten und mein mit brennendem Geduldsfaden erkämpfter Bus - voll bezahlt - war weg.

Liebe Türken: niemand erwartet von euch Heldentaten. Aber ein gewisses Mindestmaß an Menschlichkeit und Menschenverstand setzt man doch voraus.

Güven und Mehmet haben gezeigt, dass ihr es könnt. Aber wenn ihr in Bezug auf Informationen und Zuverlässigkeit wie an der Grenze so mit euren Touristen umgeht, braucht ihr euch nicht wundern, dass euch kaum noch jemand besuchen möchte. Gerade in Zeiten, in denen man mehr als nur deutlich sehen kann, dass euer Tourismus in Schutt und Asche liegt und komplette Stadtteile eurer Metropolen aussehen wie der Maidan in Kiew vor einigen Jahren, solltet ihr mit eurem Verhalten gegenüber Touristen äußerst bedächtig verfahren. Aber wem sage ich das?...

Um mich herum versammelten sich Erwachsene, die mir ihr Taxi andrehen wollten und ein Haufen Kinder prügelte sich (ja, die schlugen und traten wirklich aufeinander ein) darum, meine Sachen zu tragen. Das vollendete Chaos endete dort einfach nie. Ich, "allein" gelassen an einer Grenze in der Wüste umgeben von Menschen, die sich verhalten wie Neanderthaler und keinerlei Aussichten auf eine signifikante Besserung der Situation.

"Gleich ist es soweit." geht mir durch den Kopf.

"Ich werde jemanden umbringen..."

Doch das Faultiergen setzte sich wieder mal durch und ich beruhigte mich erstmal soweit das eben ging. Weder die Taxiandreher, die schwer genug von Begriff sind, um auch nach fünf mal "NO TAXI!!!" brüllen nicht zu kapieren, dass mir ihre scheiß Karren am Arsch vorbei gehen und sie daran mit Preiskorrekturen um umgerechnet 50 Cent nichts ändern noch die Horde von Blagen die sich um etwas schlägt, was ich ihr noch nichtmal zugesprochen habe trugen zu meiner Amüsanz bei. Das alles zu ertragen, ohne jemanden mutwillig zu verletzen war wirklich eine Herausforderung. Eine Wut wie in dieser Situation habe ich noch nie zuvor in meinem Leben empfunden - und ich hoffe, sowas empfinde ich auch nie wieder. Alleine beim Schreiben dieser Zeilen kocht es schon wieder etwas, wenn ich bloß an damals zurück denke...

Tatsächlich erschien irgendwann Ibrahim, ein Iraner, der dort seine Familie abholte. Würden meine Sachen in sein Auto passen, würde er mich mitnehmen - nach Täbris! Ich durfte doch mal wieder Glück haben.

Doch es sah mies aus, seine Familie hatte reichlich Gepäck. Die Grenzbeamten auf der iranischen Seite waren an meiner Geschichte äußerst interessiert und staunten nicht schlecht.

Und da schlug sie wieder zu: die iranische Gastfreundschaft!

Freundlich fragten sie passierende, große Fahrzeuge, wo die Fahrt hingeht.

Lautete die Antwort "Täbris" kam im rauen Ton der buchstäbliche Befehl, die Teile des Fahrrads dieses Reisenden mitzunehmen und dort zu warten, dass er auftaucht um sie entgegen zu nehmen. Kein Vorschlag, der mir gefallen wollte, aber die Reaktionen der Leute machten mich sehr zuversichtlich, dass das hinhauen würde und meine Teile nicht geklaut werden würden. Die Iraner haben mich bis dahin auch sehr von sich überzeugt, also ließ ich der Sache ihren Lauf.

Krass, Grenzbeamte stoppten also reihenweise Fahrzeuge um den Leuten mein Problem aufzuhalsen. Aber der Physik sind klare Grenzen gesetzt: wenn voll, dann voll.

Es musste doch irgendwie in Ibrahims Auto gehen und tatsächlich hat es dann doch irgendwie funktioniert. Die Fahrt nach Täbris ging los und tierisch müde mit Kopfschmerzen setzt Ibrahim mich vor einem günstigen Gasthaus ab. Die Krönung des bisher schlimmsten Tag meines Lebens, denn dann stellte ich fest, dass das Gehäuse der Schaltbox meiner Rohloff Nabe weg war. In Ibrahims Auto nicht zu finden. In dem Chaos an der Grenze muss beim Hin- und Her schleppen der Teile zwischen sich schlagenden Kindern und aufdringlichen Taxifahrern was passiert sein, dass es nun kaputt war.

Ich hätte schreien und heulen können. Diese Schalttechnik ist einzigartig genug, um in dieser Region des Planeten auf gar keinen Fall Ersatz kriegen zu können. Ich sah mich schon mit meinem von nun an schaltunfähigen Fahrrad im Flieger nach Deutschland. Natürlich mit neuem Visumverfahren für den Iran.

Doch erstmal ruhig bleiben und eine Nacht im Bett drüber schlafen. Es war ein Scheißtag wie aus dem Bilderbuch und nicht hysterisch werden!

Den nächsten Tag habe ich komplett in Täbris verbracht, denn es war klar, dass es nur Nachtbusse nach Teheran gab. Eine der Schwestern von Ibrahim, welche mit im Auto waren traf sich mit mir.
Die hübsche Dame führte mich durch die Stadt und zeigte mir schöne Plätze und half mir sogar beim Erwerb einer SIM Karte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Witzig dabei: immer, wenn wir irgendwo etwas zu trinken kauften, musste sie scheinbar auf Frage nach unserer Beziehung antworten. Ihrer Aussage nach war ich in diesen Momenten ihr Ehemann! Ehemann "under cover". Auch nicht schlecht. Keinerlei Ringschmuck an den Griffeln oder sonstige Zeichen der Zugehörigkeit, aber die Leuten haben's wohl geglaubt.

Sind wir Freundinnen begegnet (erstaunlich oft ist das passiert) war ich lediglich ihr Freund. Die Reaktionen der Freundinnen waren jedoch jedes Mal hocherfreut - ich frage mich im Nachhinein, wie sie das geklärt hat, nachdem ich abgereist war...

Zu ihrer eigenen Sicherheit muss ich übrigens darauf verzichten, besagte Dame zu zeigen. Sie hat an diesem Tag ein großes Risiko auf sich genommen, mit einem fremden Mann ohne irgendeine familiäre Verbindung gesehen zu werden.

Der Tag hielt noch mehr Erstaunliches bereit. Am Abend zuvor verzweifelte Facebooknachrichten über den Zustand meines Fahrrads und noch den iranischen Brüdern geschrieben, dass ich wohl Hilfe brauchen würde, wenn ich in Teheran bin.

Die Resonanz war erschlagend. Den ganzen Tag flogen im Minutentakt von (ich bin mir nicht ganz sicher) sechs oder sieben Iranern SMS und Facebooknachrichten ein ich solle mich doch BITTE BITTE melden, denn man möchte mir unbedingt helfen. Dabei ging es nicht nur um Menschen aus Täbris oder Teheran (wo ich noch gar nicht war) sondern auch aus Orten, die ich kaum auf der Karte gefunden habe. Sowohl die lokalen Kontakte der irankundigen Radreiseprofis bei Facebook als auch die beiden iranischen Brüder haben ihre Knöchel knacken lassen und Bekannte mobilisiert um mir den Arsch zu retten.

Und irgendwann war es dann soweit: ein Kerl, dessen Namen korrekt auszusprechen ich aufgegeben habe kam hin, wo auch immer wir gerade waren, sammelte das Mädel, mich und mein Fahrrad ein, brachte uns in seine Werkstatt und: hatte Erfolg.

Diese Teufelskerle haben mit reichlich Kabelbindern die Katastrophe gewendet und das Schaltrad soweit stabilisiert, dass ich wieder schalten konnte! Es hätte regelmäßige Kontrolle erfordert, aber besser als völlige Hilflosigkeit. Ich wusste zu dem Zeitpunkt bereits von den Rohloff Händlern in China. Bis dorthin würde es schon irgendwie gehen!

Mit dabei von der Partie an iranischen Superhelden jemand, der sogar perfektes Deutsch spricht. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen das in der Welt können.

Manchmal fehlen einem einfach die Worte um etwas zu beschreiben und an diesem Tag war es mal wieder soweit. Doch die Jungs von dem Laden, von dem der Chef vorbei kam um mich einzusammeln, haben das ja erstmal so in's Lot gebracht. :)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Abend ein herzlicher Abschied, nachdem sie mich noch zum Busbahnhof begleitet hat. Ein ganzer Tag voll persischer Gastfreundschaft, super! :)

Bis zu diesem Punkt.

Am Schalter zum Ticketverkauf: "Keine Mitnahme von Ausländern."

Aha?

Rassistisches Dreckschwein.

Ja, auch an dieser Stelle wieder das bewusste Vergnügen der Wahl des Begriffs "Schwein".

Nächster Schalter: "Keine Mitnahme von Ausländern."

Rassistisches Dreckschwein.

Das passiert mir noch zwei weitere Male, dann platzte mir ein wenig der Kragen und ich fragte nicht gerade leise nach den Hintergründen für diesen Schwachsinn. Erstaunlicherweise versagte in diesem Moment das Englisch der lieben Iraner. Ahja.

Gerade als ich wütend und nicht gerade hoffnungsvoll zum nächsten Schalter stapfte rief man mich zurück - der sehr gut englischsprachige Einheimische, der just für den gleichen Bus ein Ticket erworben hat, winkte mich zu sich, tratschte noch etwas mit dem Arschloch hinter dem Schalter und aus welchem Grund und wie auch immer lief mein Check-In plötzlich über das Ticket des freundlichen Herrn. Das Arschloch konnte es mir nicht erklären, der freundliche Typ wollte nicht, aber ich denke, er hat stumpf ein zweites Ticket gekauft. Jedenfalls wurde ich um den üblichen Betrag für solche Busreisen gebeten und ich hielt eins in Händen. Unterkiefer -> Bauchnabel.

Der Abend war gerettet und ich fand mich endlich im Bus nach Teheran wieder.

Bevor ich einschlafen konnte, fing ich noch schwitzend zu frieren an - Grippe! Ganz klasse. In dem Hotel von letzter Nacht hat man mir wegen der nicht abschaltbaren Klimaanlage untersagt, das Fenster zu öffnen. Es war nicht kalt, aber der eisige Wind um den Kopf hat dann wohl doch gereicht. Ich dachte noch ein paar Mittelfinger an die Idioten in dem Hotel, die Klimaanlagenschächte ohne Verschlussmöglichkeit bauen, dann schlief ich endlich bis ich morgens einige Stunden vor der Ankunft wach wurde.

Die Fahrgäste stiegen grad alle aus, wir standen auf einem Rastplatz - Frühstück! Genau mein Stichwort, also raus und- "Was ist denn jetzt kaputt?!"

Instinktiv legten sich meine Arme um meinen Körper.

"Ich...friere?"

Man kennt ja den leichten Frost bei Grippe, aber das grenzte an einen Sprung in's kalte Wasser.

Wann hab' ich das denn zum letzten Mal gespührt? In einer kroatischen Zeltnacht, soweit ich weiß.

Die entsprechende Anzeige im Bus zeigt 8°C. Stimmt ja, der Norden Irans liegt in Gebirge! Da wird's des Nachts schon mal frisch.

Derartig an das Leben erinnert ging die Fahrt durch den Vormittag weiter und es gab erstaunlich wenig zu sehen. Wüste eben. Die gleichen Gedanken wie schon in der Türkei: "Irgendwie freue ich mich, diesen Mist nicht wochenlang im Sattel ertragen zu müssen."

In Teheran ging erstmal alles recht schnell. Der iranische Verkehr ist eine Delikatesse für Sich und angesichts meines gesundheitlichen Zustands im wahrsten Sinne des Wortes mörderisch zu bewältigen - also ein billiges Taxi zur Wohnung eines der iranischen Brüder, die ich in Van kennen gelernt habe.

Noch am selben Tag brachten wir mein Rad noch zum Schamanen seines Vertrauens, welcher zwei Tage später mit froher Botschaft verkündete: es war ein Haufen Arbeit, aber ich hab's hinbekommen!

Ja, er hat wirklich das fehlende Teil mehr oder weniger nachempfunden und die Funktionsfähigkeit zu 100% wiederhergestellt. Ich liebe die Perser!

Innerhalb dieser Tage startete ich auch das Visumverfahren für Turkmenistan. Den Abend zuvor habe ich in der Theatergruppe meines Gastgebers das Training übernommen und den Jungs gezeigt, was ein Capoerista unter Athletik und Beweglichkeit versteht - einer von denen wollte mir dann am diesem Tag unbedingt bei dem ganzen Trara um das Visum helfen :)

Das Visumverfahren sollte 10-14 Tage dauern. Zeit, sich mal wieder den Kalender anzusehen.

Scheiße!

Der Tag der durch das Visum für Usbekistan und damit vorgeschriebenen Zeit in Turkmenistan aufgezwungenen Ausreise aus dem Iran ist näher als gedacht - und die Distanzen zwischen den südlichen Altstädten Persiens länger als gedacht. Einer mehrfachen mathematischen Überprüfung hielt mein Wunschdenken nicht stand. Die Zeit reichte bestenfalls um 3 der 4 Städte zu sehen - ohne mir Zeit für einen kompletten Tag Aufenthalt zu lassen. Zurück nach Teheran und in den Osten nach Turkmenistan sind da erst Recht nicht drin.

Wenn der Iran für mich also nicht nur daraus bestehen soll, mein halb kaputtes Rad in die Hauptstadt zu bringen und dann repariert in den Osten zu fahren ohne die schönen Altstädte gesehen zu haben, war ich gezwungen für zwei Wochen zum Backpacker zu werden.

Den Rucksack voll mit Allem, was man so braucht und endlich konnte meine Zeit im Iran an das heranreichen, was ich mir zuvor darunter vorgestellt habe. Kashan, Isfahan, Yazd und Shiraz.

Lassen wir Bilder sprechen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die altpersischen Städte sind wunderschön! Vor allem Isfahan zeigte sich trotz der toten Umgebung erstaunlich grün.

Was beim Erkunden der Gegenden grundsätzlich in jeder Stadt gleich ist: als Tourist ist man A-Promi!

Nicht unbedingt am laufenden Band, aber wirklich häufiger als ich persönlich als lustig empfinden kann kommt jemand angelaufen um ein Selfie mit dem Ausländer zu machen - übrigens mit MEINEM Handy. Als würde ich diese Quatschbilder von wildfremden Menschen, zu denen ich nicht einen einzigen positiven Bezug habe behalten. Irgendwie ist es ja putzig, dass so viele Leute Teil der Erinnerung eines Reisenden sein wollen. So recht gefallen wollte mir das auf Dauer aber nicht.

Einige machen das deutlich besser! Sie stellen einfach Fragen! Sie wollen Dinge über mich, meine Reise und mein Heimatland wissen. Was wirklich jeder wissen wollte waren meine Gedanken zu ihrem eigenen Heimatland.

Auf die Antwort auf die Frage meiner Herkunft kam nicht selten auf Englisch: "Ah, Angela Merkel! Großartig! Tolle Frau, gute Kanzlerin!"

Ernsthaft jetzt?

Zuallererst große Verwunderung meinerseits. Angela Merkel ist ein Wanderzäpfchen der US-Präsidenten.

US-Präsidenten sind Anführer des erklärten Feindes des Irans, USA.

Wie genau wird ausgerechnet den Iranern eingetrichtert, dieses Zäpfchen wäre toll?

Die Regierung wird das ja kaum verlauten lassen - und die Medien, so wenig ich über ihre Freiheit erfahren habe, werden sicherlich auch keine Schlagzeilen wie "Wir lieben Angela Merkel!" abdrucken. Weiß der Teufel, woher die das haben.

Als pflichtbewusster Linker mussten diese Gelegenheiten zur Aufklärung über einige Fakten zu ihrer Anteilnahme an Armut, Vernichtung, Tod und Vertreibung vieler Menschen aus vielen Regionen dieser Welt und ihrem Anteil an der Zerstörung des deutschen Sozialversicherungssystems und ihrer Hörigkeit gegenüber der Wirtschaftslobby wahrgenommen werden.

Erstaunlich lange Gesichter, die die Perser machen können! Aber so guckt man eben, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. :)

Die logische Frage, wieso soein Mensch unserer Kanzleramt beschmutzen kann, wenn wir doch die freie Wahl haben konnte ich natürlich nicht beantworten, ohne den durchschnittlichen Deutschen zu beleidigen. Meistens hat man dann auch verstanden, wieso ich Deutschland verlassen habe. Hin und wieder wurde mir dann (zum Trost?) ein leckerer, frisch gepresster Fruchtsaft ausgegeben.

Und davon hat es im Iran eine Menge! Vielerorts findet man die immer gleich aussehenden Stände mit einigen Sorten frischem Frucht- und Obstsaft sowie Eiskrem im Angebot. Und Essen! Die iranische Küche ist erstaunlich fruchtig! So hat mir mein Gastgeber in Teheran ein Gericht klassisch basierend auf Reis und Huhn mit jeder Menge Fruchtanteil wie Granatapfel, Zitrone, Orange und Weiteres gezeigt. Geschmeckt hat auch das Huhn auf Reis mit Walnusspaste.

Nicht unbedingt lecker aber dafür umso interessanter war die Erfahrung eines klassischen, iranischen Frühstücks: Schafskopf. Eine Brühe vom Gehirn und anschließend das Fleisch vom Kopf. Dazu eine Zitrone - gegen eventuelle Verdauungsschwierigkeiten. Ja nee, is' klar.

Die Tage in den südlichen Städten vergingen sehr Rasch.

Den Abschluss der Reise bildete der Rückweg von Shiraz nach Teheran. Nicht ganz ohne Würze: der Bus sollte um 20Uhr abfahren. Ich war um 19Uhr da, wartete also im klimatisierten Wartebereich. Die Sitze waren mies und ich wollte ich mir die Beine vertreten - dies tat ich im Außenbereich, wo die Busse ankommen und abfahren. Mein Bus war schon da und ich konnte sogar einsteigen! Sehr fein, diese Sitze sind doch deutlich besser als die Stahlklötze in der Halle. Um 19:25Uhr traute ich meinen Sinnen nicht: der Bus fuhr los!

Mehr als eine satte halbe Stunde vor der Zeit verlässt der Bus den Bahnhof und lässt alle Fahrgäste, die nicht wie ich aus purem Zufall früh dran sind zurück; bezahltes Ticket hin oder her. Hammer. Der Bus war kaum zu einem Drittel gefüllt; es gab KEINEN Grund eher loszufahren.

Ich konnte mir nichtmal ausmalen, wie ich reagiert hätte, hätte man mir gegen Zehn vor Acht gesagt, mein Bus wäre schon fast eine halbe Stunde weg...

Bald fand ich mich wieder in Teheran ein, holte mein Visum ab und konnte mich von meinem Gastgeber verabschieden. Da das Angebot von Schlafplätzen verboten ist, darf ich auch ihn nicht zeigen.

Es ist erstaunlich, wie sich die Kette von Istanbul bis nach Teheran zieht. Wäre ich einfach in diesen blöden Trans-Asia-Express gestiegen, wäre ich problemlos in Teheran gelandet und alles hätte stressfrei seinen Lauf nehmen können - habe ich aber nicht, stattdessen saß ich 25 Stunden mit Menschen ohne Englischkenntnissen auf engem Raum, musste die Beschädigung meines Rades an dieser chaotischen Grenze ertragen, unnötig kompliziert von dort bis nach Teheran weiter kommen. Doch wer weiß, ob ich jemanden in Teheran gefunden hätte, der mir dort mit dem Visum hilft und mich bei sich aufnimmt, wenn ich die zwei Brüder in Van nicht getroffen hätte? So wie alles gelaufen ist war ziemlicher Mist und meine ohnehin schon grauen Haare wurden nicht unbedingt farbprächtiger, doch dafür habe ich nun eine Geschichte zu erzählen. Darum geht's doch irgendwie auf solchen Reisen, oder? :)

Mit dem Rad durch Teheran zum Bahnhof, denn die Zeit von der Hauptstadt zur Grenze begrenzt sich auf 2 Tage.  Alle Hundert Meter eine Nahtoderfahrung, aber ich hab's geschafft und der Zug nach Mashhad konnte abfahren.

Auf den Zug wartend lernte ich einen weiteren Iraner kennen. Sein Name ist mir längst entfallen, doch ich weiß noch, dass er sich als Künstler bezeichnet hat.

"Künstler".

Er macht Fotos. Von Gegenständen. Ich dachte, das westliche Verständnis von "Kunst" wäre das einzige auf Welt, welches völlig im Arsch ist. Kennt ihr die Geschichte von dem Typen, der in einer Kunstausstellung seine Brille auf den Boden gelegt hat und heulend vor Lachen beobachten konnte, wie sich eine größer werdende Traube von Menschen, die glauben das wäre Kunst und dastanden um zu überlegen, wieso der Künstler die Brille ausgerechnet genau SO dort platziert hat und nicht anders, bildete? Ernsthaft, Kunst ist nicht mehr das, was sie mal war. Das scheint auch für den Iran zu gelten, wenn Menschen, die Fotos von toten Gegenständen machen als Künstler durchgehen.

In meinem Zugabteil, eine Schlafkabine, stolperte ich in eine Gruppe geistlich aussehender Männer. Ein Haufen Hardcore-Moslems. Fantastisch. Doch die Jungs waren jünger als ich und entsprechend cool drauf. Etwas Smalltalk mit Übersetzungsapps war drin und wir haben uns gut verstanden.

Dann kommt dieser Künstler ins Abteil. Der hat den ganzen Zug abgesucht um mit mir ein "Interview" zu führen. Die üblichen Fragen. Bis zu einem Wendepunkt, bei deren Erinnerung sich meine Nackenhaare aufrichten.

Die geistlichen Jungs konnten mit wachsender Amüsanz die Wandlung meines Gesichtsausdrucks beobachten und lachten von Minute zu Minute mehr. Sie sahen, wie offensichtlich mich dieser Typ angewidert hat.

Ich kann nicht mehr genau sagen, was er alles gefragt hat, aber dazu gehörten die Fragen wieso ich kein Auto dabei habe (er wusste, ich reise mit dem Fahrrad. Wieso fragt er, wieso ich kein Auto dabei habe?! Hätte ich eins dabei, würde ich nicht auf dem Rad sitzen um voranzukommen, geschweige denn Zug fahren - ab in die Schule mit dir!) und, nachdem ich einer anderen Frage eine entsprechende Antwort gegeben habe, wieso ich kein Interesse an thailändischen Mädchen habe.

Ein IRANER fragte mich ohne Witz, wieso ich keine thailändischen Mädchen ficken möchte!?

Ich muss dazu sagen, dass sein Englisch nicht das Beste ist. Er hätte die offensichtliche Antwort eh nicht begriffen, also kürzte ich ab indem ich ihn einfach in seinen Vorlieben oder seiner Illusion von einigen der besagten Damen ("Damen"...) gelassen und ihn der Kabine verwiesen habe, denn es war spät und ich wollte schlafen. Ein Ritt durch die Wüste stand bevor und ich wollte gut vorbereitet sein.

Nichtmal einen Rauswurf hat der Typ begriffen, ohne dass ihn hinausschieben musste.

Den nächsten Morgen kam er übrigens ungefragt erneut rein, sagte schnell "Hi." und fragte sofort, worin der Sinn meiner Reise besteht, wenn ich weder ein Auto habe noch thailändische Mädchen ficken möchte.

Der Schock der geistlichen Jungs, nachdem sie mich haben verbal explodieren hören stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Der Schaffner schaute nicht weniger verwundert, war ich den Abend zuvor noch so freundlich mit ihm ein Selfie zuzulassen. Nach der Erklärung, was dieser widerliche Kranke für Fragen stellt, war die Sache allerdings klar und selbst dann lies besagter Irrer sich nur verständnislos protestierend wegschieben, damit er die Fahrgäste nicht weiter stört. Gestalten wie er sind die logische Konsequenz aus mangelnder Bildung und der Überzeugung, ein Künstler zu sein.

Es gibt Menschen, die will man nicht kennen lernen. Im Nachhinein frage ich mich, ob die Leute, die seine Videoaufnahmen von unserem "Interview" gezeigt bekommen haben, zum einen über meine Reaktionen amüsiert waren und ihm für seine Fragen eine gelangt haben...wer weiß. Da ich diese Zeilen endlich geschrieben habe, kann ich den hoffentlich endlich vergessen!

In Mashhad schnell das Rad bepackt, Vorräte eingesteckt und los! Die erste Herausforderung an die Wüste und ich brannte darauf!

Die Tage in der Wüste verliefen im selben Muster:

Die ersten 50km vergingen recht flott. Gutes Vorankommen, eine lange Pause und frisch erholt auf den Widder um den Rest der Tageskilometer anzugehen - welche dann nur noch vor sich hin dröppelten.

Die Wüste ist eine Umgebung, die nicht viele Menschen auf der Welt jemals nah erreichen und intensiv erleben.

Eine Hitze, wie ich sie nie zuvor ertragen musste. Rein aus der Verfügbarkeit von stets frischen Getränken waren die 45°C in den südlichen Städten angenehmer als die selben 45°C außerhalb.

Eine Trockenheit, wie man sie sonst nur aus den Reden im Bundestag kennt. Nach zehn Atemzügen ist das Verlangen nach einem tiefen Schluck Wasser unerträglich. Ich habe nicht geschwitzt - zumindest blieb der Schweiß nie lang genug in den Klamotten um von mir als solcher wahrgenommen zu werden. Die Austrocknung von Innen jedoch schlug mit aller Härte zu.

Die Hitze weicht die Reifen auf. Damit war der Rollwiderstand höher und das Pedalieren anstrengender. Zusätzlich aus Angst vor wegen Hitze steigendem Innendruck platzender Schläuche etwas Luft aus den Reifen gelassen - nochmal mehr Rollwiderstand. Jeden Tag 14 Liter Flüssigkeit auf dem Rad, schön schwer unterwegs.

Gleich am ersten Tag merke ich nochmal, wie froh ich bin, von Istanbul bis hierhin nicht mit Rad gefahren zu sein. Was für eine Verschwendung von Lebenszeit!

Die Sonne stach selbst durch die Mütze in den Schädel, sodass ich mich am späten Nachmittag, als die Sonne am ersten Tag etwas tiefer stand in den flachen Schatten eines Schutthügels am Straßenrand legte um mich etwas der Sonne zu entziehen und zu erholen. Während ich da so lag, rollte ein anderer Radreisender den Hang zu mir hinab und gesellte sich dazu: Walt aus den Niederlanden! Diese Maschine von einem Radler hat bereits Süd- und Nordamerika und Australien durchquert. Wir hatten zumindest bis Samarkand in Usbekistan die selbe Route und wegen den Visa die gleichen aufgezwungen Zeiten - wir beschlossen die Zeit zusammen zu bleiben.

Am Abend erreichen wir in der Dunkelheit ein Örtchen, wo wir es nicht mehr schafften, die letzte Steigung zu erklimmen, sodass uns unterwegs eine Polizeistreife bat (ja, sie bat uns höflich darum!) neben der Moschee, an der wir gerade standen zu halten und zu schlafen. Wie gerne wir dieser Bitte nachgekommen sind!

Während wir vor unserem Nachtlager aus Isomatten und Schlafsäcken unter dem dunklen Sternenhimmel unsere Abendsnacks verschlangen tauchte noch ein älteres Ehepaar auf, welches, wie viele Iraner, Nachts vor der Moschee ein Picknick abhielt. Ohne auch nur ein Wort gewechselt zu haben, stand der Herr plötzlich auf und stellte uns deren Teekanne zusammen einem Stück deren Kuchens vor die Nasen. Einer der letzten, wunderbaren Abschiedsgrüße der so wundervoll gastfreundlichen Iraner!

Am zweiten Tag frisch erholt und noch guter Dinge:

Die Wüste lockte mit überraschender Schönheit. Doch auch an diesem Tag der oben erwähnte Ablauf: 50km gute Fahrt, anschließend wie halb tot dahinrollen.

Nach gut 100km kamen in Sarakhs, dem letzten iranischen Örtchen vor der Grenze zu Turkmenistan an. Das Hotel, was dort die einzige Unterkunft ist, begrüßt seine Gäste mit einem aus Sprühwasser bestehendem Nebel vor dem Eingang, dem man beim sofortigen Verdampfen zusehen kann.

Wir beschafften noch die Vorräte für die turkmenische Hölle und fielen in unseren gerechten Schlaf.

Vor uns lag die Aussicht auf fünf weitere Tage durch derartigen Wahnsinn ohne Pause machen zu können.

Ich war angesichts der vergangenen zwei Tage nervös; meine vorherige Euphorie, endlich wieder im Sattel zu sitzen war längst verflogen. Zum ersten Mal seit dem ersten Tag meiner Reise reiht sich wieder Angst in mein Emotionengemisch. Doch man soll sich nicht von seiner Angst lähmen lassen! Die Herausforderung wurde ausgesprochen und ich werde den Kampf antreten.