Hanami

Na, viel besser hätte das ja gar nicht laufen können!

Nachdem ich mich erst wegen den Statuten der Fluglinie selbst verrückt gemacht habe war es letztendlich doch recht simpel mein Gepäck souverän nach Japan zu bekommen. Das Fahrrad passte ohne größere Auseinandernehmungszeremonien in eine vergrößerte Kartonbox und die Taschen wurden zur Erfüllung der Statuten innerhalb einer großen Tasche zu einem einzigen Gepäckstück. Zwei Freigepäckstücke und alles war im Lot :)

Weiterhin gute Nachrichten: vom Flughafen Kansai aus kann es einfach per Bus mitsamt der Ladung in die Stadt Osaka gehen. Dort angekommen musste allerdings das Unvermeidliche vonstatten gehen: Aufbau des Fahrrades. So hockte da also der bärtige Ausländer in chinesischen Klamotten viel zu dünn für die winterlichen Temperaturen gekleidet in der Ecke des Busbahnhofes und bastelte grinsend sein Gefährt zusammen. Die Japaner sind zurückhaltende Menschen und scheuten sich etwas davor die seltsame Szenerie mit einem Gespräch zu bereichern, gaben aber wie im Chor den japanischen Ausdruck für Verwunderung von sich, als ich aus dem großen Karton ein halb fertiges Fahrrad zog:

"EEEEHHHHH?!?"

Der erste Eindruck saß also schonmal. :)

Noch mehr gute Nachrichten am ersten Tag: erfolgreiches Auftreiben eines Couchsurfing-Gastgebers! Nachdem ich mich in dem Hammer von einer übergroßen Stadt ein wenig orientiert habe und ein erstes Gefühl für das "Was", "Wie" und "Warum" zustande brachte, ging es auch gleich direkt dorthin: Ryosuke's Apartment im 19. Stockwerk eines Wolkenkratzers inmitten Osakas!

Nette Aussicht, das muss man den Riesenbauten wirklich lassen.

Uuund noch mehr gute Nachrichten für den Start: WOCHENENDE! :D

Ryosuke hat frei und Zeit mich durch Osaka zu führen. Klare Pflichtbesuche: Fressmeilen, Schloss Osaka und eine Einführung in die Kultur rund um die Schreine und Tempel wie sie überall über Japan verstreut sind.

Wofür Japaner so beten?

In seinem Fall für Erfolg bei der Arbeit

Das Glück mit dem Wetter war dann schon fast zu viel des Guten. :)

Drei Tage Aufwärmphase in einer der größten Städte Japans, Gewöhnung an für mich unübliche Anblicke und jede Menge Unterricht bei Ryosuke.

Äußerst bereitwillig erklärte er mir vieles rund um Japan und die Kultur, über die Menschen, Sprache, Traditionen und natürlich die Moderne.

Die Moderne blieb etwas auf der Strecke, denn er war besser als ich - besser im Zynismus. Das passiert selten. Regelrecht nebensächlich erwähnt er Dinge wie "Sonntag abends und Montag morgens töten sich die meisten Menschen wegen der Arbeit". Das kam dermaßen trocken, da kommt auch mein Zynismus und schwarzer Humor nicht mehr mit.

Naja.

Äußerst lehrreiche Tage vergingen wie im Fluge und meine Reise konnte beginnen - doch halt! Ich war viel zu früh!

Mein Hauptgrund zur Anwesenheit lag in dem Naturwunder, welches das Land jedes Jahr in weiß und pink hüllt: die Kirschblüte! Dafür war es in der Region noch zu früh. Satte zwei Wochen zu früh; die Zeit die ich durch das Auslassen von Malaysia bis Singapur eingespart habe, mehr oder weniger.

Doch das machte nichts, denn ich hatte so oder so etwas anderes besonderes auf dem Schirm. Also führte mein Weg mich anstatt direkt in den Norden zuerst nach Süden; dort wo jener Ort vorzufinden sein soll.

Es fühlte sich alles so sehr nach dem Anfang vor einem Jahr in Deutschland an! Es war kalt, gelegentlich nass, ich wusste nicht so recht wo ich war...und im Gegensatz zum Anfang wusste ich hier nichtmal wo ich am Ende des Tages sein sollte.

Japan ist teuer. Sehr teuer. Damit das Konto nicht in einem flammenden Inferno zu Asche zerfällt musste eine gravierende Umgewöhnung stattfinden: Zelten! Was ich bisher tunlichst vermieden habe ist in Japan für zumindest(!) 50% aller Nächte geplant. Extra dafür habe ich mir von meinen lieben Eltern ein neues, vernünftiges und gutes Zelt nach Thailand bringen lassen und im Tauchresort auf den Philippinen übte ich bereits den Aufbau.

Und was soll ich sagen: Japan ist ein GEILES Land zum Zelten!

Abseits der großen Städte, also eher oben zwischen den Gebirgshängen zeltet es sich sehr einsam - und eiskalt.

Doch man kann auch super "mitten" in den Städten selbst zelten! Viele erzählten mir bereits vom "urban camping", dem Zelten in der Stadt. Gemeint sind Parks, Parkplätze,etc.

Was mir persönlich am besten gefällt sind allerdings die riesigen Flussbänke, welche von hohen Dämmen begleitet werden. :)

Festgelände mitsamt Waschräumen in Saisonpause am Rande einer Landstraße

Aufgegebene Immobilien - irgendwann hatte dort mal jemand Feierabend und kam niemals wieder. Die Gebäude sind nach wie vor im Besitz der Person welche unter Umständen nichtmal mehr lebt und rotten vor sich hin. Darin oder davor ergeben sich wunderbar geeignete Zeltplätzchen mit Schutz vor Wind und Regen wenn es sein muss :)

Kiloweise ausgelieferte aber nie angenommene Post vor einer Geisterimmobilie.

Ich habe versucht Poststempel zu finden welche Rückschlüsse auf den Zeitraum geben, in dem das Gebäude bereits so vor sich hin existiert, aber die japanische Post scheint kein Datum zu stempeln

Manche dieser Ruinen sind noch fast vollständig ausgestattet - wenn man durch die dreckigen Fenster hinein späht, erblickt man im Staub Espressomaschinen, Möbel und alles was man in solchen Gebäuden braucht! Teilweise liegt das Inventar auch im Raum verteilt; vielleicht von Tieren oder Erdbeben durcheinander gebracht.

Neueste Erfahrung: Straßenpennerei! :)

Unter großen Brücken finden sich trockene Plätze für das Zelt wenn es mal regnet

Das ist natürlich die schönste Variante. :) Direkt an einem Flusslauf neben den schönen Kirschblüten zur Saison!

Doch bis es zu der schönen Blütenpracht kam, musste noch Zeit in's Land gehen.

Diese führte mich unter Anderem durch Orte wie Tondabayashi, welche für ihre Menge an traditionellen Bauten bekannt sind, Shirahama mit den vielen Onsen (heiße Quellen als Teil der Badekultur Japans) und schlussendlich die "Nachi" Wasserfälle!

Wer mich mal (halb) nackt gesehen hat, weiß wieso ich diesen Ort besuchen MUSSTE!

Zugegeben: das Original hat mehr Farbe :)

Und natürlich musste etwas blödes passieren.

"Blöd". Das Blöde war, dass es einige Tage am Stück warm und sonnig war. Mehr als gedacht. Mehr, als man bei der Vorhersage für die Kirschblüte in der Region Osaka und Kyoto angewandt hat. So viel mehr, dass ich schlagartig eine Woche weniger Zeit für meine Exkursion in den Süden hatte und zusehen musste nach Kyoto zu kommen! Anstatt meinen geplanten Weg abzuradeln ging es also stumpf den selben zurück. Auf dem Weg passierte allerdings noch etwas erwähnenswertes:

Alles Neu hatte Geburtstag! :) Genau ein Jahr lang war ich unterwegs, als ich zum zweiten mal in Shirahama in dem Gasthaus ankam, welches ich auf dem Hinweg bereits besucht hatte. Dem faulen Widder einen Tritt verpasst und das neue Jahr, das zweite im Verlauf meiner Reise um die Welt durfte beginnen! Und es war ja nunmal in dem Moment etwas Eile geboten...

Japan hatte mich bereits mit einer Vielzahl neuer Anblicke beglückt und eine weitere Vielzahl war lediglich sowas wie...erfüllte Erwartungen. Oder Vorstellungen.

...

Ich oute mich hier einfach mal als Anime-Fan. Anime nennt man die Zeichentrickserien, welche aus ihren Buchvorlagen, Comics (auf japanisch "Manga"), gefertigt werden.

Nein, ich rede gerade nicht von den Animes, bei denen es vorwiegend um Brüste planetarer Größe geht.

Wer soetwas selbst mal gesehen hat, hat eine gewisse Vorstellung: zum Einen gibt's ziemlich abgedrehtes Zeug aus Zukunftsgeschichten, woanders fliegen die Protagonisten durch die Gegend und zerstören mit Fingerschnippen Sonnensysteme - woanders geht es um Alltagsgeschichten aus dem Leben wie sie normaler kaum sein könnten.

Besonders diese "normalen" Geschichten, welche im aktuellen Japan spielen haben eine immer wiederkehrende Gemeinsamkeit: sie zeigen Japan wie es - angeblich - mehr oder weniger wirklich ist. Und so stellten sich zumindest mir immer mal wieder die gleichen Fragen, ob das Alles denn wirklich in etwa so aussieht?

Architektur einzelner Gebäude, Struktur ganzer Siedlungen, Infrastruktur, Natur, Autos,...diese Liste könnte ewig weiter geführt werden.

JA, alles sieht tatsächlich so aus wie in den Animes und Mangas vom modernen Japan. Überall erkennt man stilistische Elemente wieder, welche zuvor in dutzenden Geschichten vorkamen. Die Reise durch Japan gewinnt dadurch gewissermaßen ein Gefühl wie als würde ich durch ein Märchen reisen. Fehlt eigentlich nur noch, dass die wenigen Japaner, welche mit abgedrehten Frisuren versuchen diversen Charakteren aus den Mangas nahe zu kommen sich auch so verhalten, dann hat das schon was von "versteckte Kamera" !

Dieses Ding mit den Mangas und Animes ist hierzulande übrigens alles andere als "Kinderkram" - der älteste bekannte Manga wird auf das 19. Jahrhundert zurück datiert; heute ist das fester Bestandteil der Kultur. Da wundert es nicht, dass man in jedem Supermarkt Erwachsene Leute in der Mangaabteilung die Bücher mit den vielen bunten Bildern durchblättern sieht. :)

In vielerlei Hinsicht beeindruckt und bestätigt die frühere, aber ersehnte Ankunft - Kyoto!

Die ehemalige Hauptstadt der Nation und bis heute soetwas wie die Hauptstadt des Blütenwahnsinns, welcher die jeweilge Region des Landes jedes Jahr in einen Ausnahmezustand versetzt.

Schreine und Tempel feiern Feste mit Laternen und viel gutem Essen, manchmal auch mit Musik, die Einheimischen tragen traditionelle Kleidung ("Kimono") anlässlich der sie umgebenden Schönheit und genießen eine für jedes Jahr einzigartige Zeit.

Unschwer vorzustellen, dass das Erlebnis der vollen Blüte in Kyoto schwer zu übertreffen sein würde, denn bei dem sollte es längst nicht bleiben!

Die Kirschblüte beginnt im viel wärmeren Süden und zieht sich mit der Entwicklung des Frühlings bis nach Norden. Auf Okinawa feiert die Bevölkerung dieses Großereignis bereits im Januar, in Kyoto begann der Spaß dieses Jahr Ende März. Das Schlusslicht wird die Nordinsel Hokkaido bilden.

Übrigens: der Gastwirt in Kyoto meinte am Tag meiner Ankunft, ich bräuchte mich noch nicht auf den Norden der Stadt konzentrieren, denn die Blüten wären dort noch nicht so weit. Im südlichen Bereich ist jedoch bereits volle Blüte!

Bitte? Kaum 10km weiter im Süden der selben Stadt soll es einen signifikanten Unterschied im Fortschritt der Blüte geben?

Ja, gibt es. Man glaubt es kaum, aber diese Bäume sind dermaßen empfindlich, dass eine so kleine Nord-Süd-Spanne bereits den Unterschied zur vollen Blüte ausmachen kann. Nicht verwunderlich, dass ich, als ich Kyoto mit dem Beginn des Blütenregens, wenn sich ihre Zeit dem Ende neigt Richtung Osten verließ noch am ersten Tag auf Bäume stieß, welche noch nichtmal in voller Blüte standen!

Mit dem Beginn des Blütenregens fiel für mich der Startschuss für die Verfolgungsjagd der vollen Blüte bis in den hohen Norden Japans und führte mich zuerst nach: Iga!

Iga ist die "Ninja Stadt". Dort entstand Ninjutsu, die Kunst des getarnten Meuchelmords, der Spionage und Täuschung. Die Stadt war vor langer Zeit komplett von Shinobi bewohnt - bis man unglücklicherweise den Auftrag annahm, den Sohn von einem gewissen Kriegsherrn umzulegen welcher anschließend nicht nur ausreichend angepisst sondern auch mächtig genug war um Iga mit einer Großoffensive dem Erdboden gleich zu machen und der Kultur um die Shinobi mehr oder weniger ein Ende setzte. Heute ist von dem Ganzen "nur" das restaurierte Schloss zu sehen.