Marathon

Nicht die beste Zeit während meines Aufenthalts in Japan: der tagelange heftige Gegenwind vor der Ankunft in Hirosaki hatte mich ausgezehrt, mein Fahrrad ein Haufen Elend, die Kirschblüte in einer für ihre Betrachtung schönsten Städte noch lange nicht begonnen, extreme Preisklassen.

Kopf und Körper brüllten nach Pause, welche ich darauf wartend, dass die Bäume mal langsam Farbe bekennen, nur allzu gern genossen hätte. Aber die örtlichen Preise hätten ein riesiges Loch in die Kasse gerissen, also musste ich Hirosaki nach lediglich zwei Nächten schon wieder verlassen und trat meine Rückreise nach Süden an.

Jene Rückreise führte entlang der Küste auf der Seite, welche dem Festland zugewendet ist. Einfach mal gemütlich vor mich hin kullern, bis ich eine für mehrere Tage bezahlbare Unterkunft finden und meine lang ersehnte Pause nachholen würde - das war die Vorstellung. Das daraus nichts werden sollte lag an einer banalen Email.

Zu der Zeit lief meine Bewerbung für mein Arbeitsvisum in Australien; dort plane ich eine lange Zeit zu verbringen um meine großen Pläne für den Rest der Welt finanzieren zu können. Entsprechend herzschrittmachend war der Inhalt besagter Email. Völlig willkürlich werden Bewerber aufgefordert sich einer gesundheitlichen Untersuchung zu unterziehen. Dabei dreht es sich nicht um etwas "Ah!" sagen und den Doc in den Rachen luken lassen, sondern Bluttests und Röntgenaufnahmen der Brust. Australien will (stichprobenartig, sehr sinnvoll) sicherstellen, dass die arbeitswütigen Touristen den Belastungen des Früchtepflückens gewachsen sind.

ALTER! Drei von vier Lebensformen auf diesem Kontinent wollen nicht nur, sondern KÖNNEN mich töten! Da machen die sich Gedanken um Blutwerte? Wofür? Damit die Spinne, die mich vergiftet nicht unter meinen miesen Leberwerten leidet?

...der englischen Krone verpflichtete Inselbewohner. Nicht nur in Europa ein Thema für sich, wie es aussieht.

Doch bei der Sinnlosigkeit dieser Aktion liegt nicht der eigentliche Knackpunkt: Problem ist vor allem, dass nicht jeder Dorfdoktor das machen darf, nein, die entsprechende Klinik muss von der australischen Einwanderungsbehörde zertifiziert sein. Welche das sind war unmöglich herauszufinden, denn die entsprechend Seite der Behörde ist in Japan nicht aufrufbar - witzig, nicht?

Zweitens: selbst WENN soeine Klinik gefunden wäre, muss da ein Termin gemacht werden. Auf den wartet man.

Zeit ist in Japan teuer, sehr teuer.

Die Untersuchung an Sich dürfte in Japan auch nicht grad von Taschengeld bezahlt werden können.

Anschließend auf die Ergebnisse warten, Bluttests in diese Richtung gehend sind keine Sache von ein paar Minuten sondern Tagen.

Zeit ist in Japan teuer, sehr teuer.

Für die Erfassung der gewünschten Daten gab man mir 4 Wochen Zeit.

Meine Situation: nasskalt und ausgelaugt irgendwo im Nirgendwo an der Küste Japans ohne Möglichkeit herauszufinden wo ich überhaupt hin kann und mit der Aussicht einen mehr als signifikanten Zeitraum damit verbringen mein Konto einäschernd den Forderungen nachzugehen, nichtmal wissend ob ich das Visum dann überhaupt bekommen würde. Die Bewerbung allein kostet schon 350€, mit oben Genanntem erwartete ich Kosten, welche sich insgesamt noch so gerade dreistellig ausdrücken ließen.

Ich war freundlich ausgedrückt "not amused". So gar nicht. Visaangelegenheiten sind oft ziemlich bescheuert, aber derartiges geht wirklich zu weit und meine Bereitschaft mich der Willkür einer Einwanderungsbehörde zu beugen hielt sich in verflucht engen Grenzen. Entsprechend...."nachdrücklich" der Inhalt meiner Email als Antwort auf die Forderungen.

Eine Email, welche nie beantwortet wurde, während mein Marathon zurück durch Japan anhielt.

Eines meiner Ziele, welche ich mit dieser Reise verbinde, ist das Ablegen falschen Stolzes.

Stolz an Sich ist keine schlechte Sache, aber wenn man aus purem Stolz heraus weniger pfiffige Entscheidungen fällt, wird's uncool. Mir schon oft passiert und das möchte ich ablegen lernen. Es kostete viel Überwindung, aber dieser blöden Zuse von der Einwanderungsbehörde (Ja, es war 'ne Zuse, sie hat sich mit Namen in der Signatur noch freundlich bedankt) musste ich nachgeben, wenn meine großen Weltreisepläne nicht in einem Scherbenhaufen enden sollten.

Also konnte ich es mir wegen der Frist schon nicht leisten, mich zur Erholung irgendwo einzuquartieren und galoppierte nicht allzu munter zurück Richtung Kyoto und Osaka.

Nicht nur meine Geisteshaltung glich zu der Zeit drei Tagen Regenwetter, auch die Realität. Immer durch den Regen ging es hunderte Kilometer entlang der Küstenlinie mit mal mehr, mal weniger gewohnten Anblicken nach Südwesten.

Seit Ewigkeiten gab es auch mal wieder aufgegebene Immobilien als trockene Zeltplätze - ich hatte sogar mal kurz überlegt, mich einfach mal in soeinen shintuistischen Schrein zu fläzen, aber ich glaub' das wäre etwas krass gewesen :)

Teil des Gebets im Shintuismus ist, der Schutzgottheit im Schrein etwas Geld hinzuwerfen. Wer hätte wohl blöder geguckt; ich als Derjenige, der die Münzen an den Kopf bekommen hätte oder der Einheimische der zum ersten Mal dessen Geld zum ersten Mal wirklich jemandem vor die Füße fällt? :'D

Nein, das wäre uncool gewesen.

Stattdessen die üblichen Plätze entlang der Flussbänke, in verlassenen Butzen und auf Wiesen inmitten der Siedlungen.

So offensives Zelten hatte zuvor schon zu Lichtblicken geführt; zwei Mal traten Einheimische über ihre höflich zurückhaltenden Schatten und fragten mich zumindest, ob ich Abendessen bräuchte - natürlich war das Abendessen zu den Zeitpunkten längst fertig, also blieb es bei freundlichen Gesten.

Keine Einladungen zur Übernachtung im Haus, aber langsam näherte ich mich dem, was für viele Radreisende beinahe selbstverständlich geworden ist, während ich in mehr als einem Jahr soetwas nie erlebt hatte.

Bis ich es dann eben doch erlebte! Hideki, seinerseits vor 40 Jahren selbst Radreisender sah mich auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt in dem ich nur noch das Wasser zum Kochen besorgen wollte und lud mich sofort in sein Zuhause ein. Hammer Typ mit tollen Fertigkeiten in der Küche - sein 40 Jahre altes Rad steht noch heute beinahe unverändert im Haus :)

Kaffee um 21 Uhr. Kann man mal gemacht haben.

Eine kleine Schwierigkeit kam auf: Japan begann mit dem Reisanbau.

Reisfelder sind nicht mit den trockenen Weizenfeldern zu vergleichen, "Ein Bett im Kornfeld" würde darin zu einer äußerst schmutzigen Schlammschlacht führen, denn Reishalme werden unter Wasser gepflanzt. Im ganzen Land begannen die Bauern damit ihre akribisch in Quadraten angelegten Felder zu fluten; von heute auf morgen stand Japan quasi unter Wasser - ganz ohne Tsunami.

Damit fielen einige gewohnte Zeltplätze weg, dafür aber ergaben sich zeitweise tolle Ausblicke und Besuch von lokaler Fauna :)

De Froschn sagt:

"Cooles Zelt, Digger!"

Entlang des riesigen Sees "Biwa" bei Kyoto kam es zu fantastischen Ansichten...

...und dem krassesten Zeltplatz bisher, direkt vor einem riesigen Sternehotel am Hafen zum See (Ja, der See ist groß genug um einen Hafen voller Schiffe zu haben...)

Überall in der Welt wäre es völlig absurd sich mit einem Zelt quasi mitten in einer Stadt in den Park direkt zwischen frequentiertem Hafen und einem Hotel zu platzieren, doch die Japaner sind in ihrer auf Höflichkeit und Zurückhaltung basierten Umgangskultur sehr darauf bedacht, niemandem zu nahe zu treten. Nicht einmal seltsam angeguckt wird man bei soetwas. Was würde wohl passieren, wenn sich ein Ausländer mit dem Zelt in den hamburger Hafen packt? :)

Leider ist das Bestreben nach Höflichkeit etwas heftig ausgeprägt, bzw. es führt dazu, dass es eher selten ist, mit Leuten in's Gespräch zu kommen. Wie ein Eispanzer liegt die vorgegebene Distanz zueinander auf den Leuten - aber dieser Eispanzer will geschmolzen werden, wie sich heraustellte! Ein freundliches Lächeln und jeder noch so zur höflichen Distanz verpflichtete Japaner tut es gleich :)

Ein freundliches "Hallo" (gerne auch auf japanisch) an den vorbei streifenden Spaziergänger am Lagerplatz und schon kommen Quasselstrippen und Neugierde zum Vorschein.

Vom See Biwa noch schnell durch Kyoto und endlich zurück in Osaka!

...lange bleiben konnte ich nicht.

"Goldene Woche".

Schon in China grätschte mir der Geburtstag der Nation, welcher scheinbar überall in Asien immer eine ganze Woche gefeiert wird kräftig in den Plan. Osaka war laut mehreren Buchungsportalen zu beinahe 100% ausgebucht und die Preise waren hart angezogen. Eine einzige Nacht ließ sich verbringen, anschließend ging gar nix mehr - es sei denn, ich war bereit dreistellige Eurobeträge für eine Nacht hinzulegen oder wäre eine Frau gewesen.

Dies bemerkte ich allerdings erst am Morgen nach der einen Nacht. Der Aufenthaltsraum des Hostels war voller Leute mit entsetzten Gesichtsausdrücken.

Zwei Argentinier, zwei Spanierinnen und ein Franzose suchten bereits völlig verzweifelt nach irgendeiner(!) Unterkunft, doch im Umkreis von über 100km war NICHTS zu machen. Ich mit meinem Zelt war da noch echt gut dran...

Und obwohl mir gerade meine Illusion von der Pause, welche ich schon vor meiner Ankunft im Norden Japans haben wollte verwischte, konnte mir das eigentlich egaler kaum sein. Nachdem mir jemand außerhalb Japans mit einem Screenshot von der australischen Seite mit den japanischen Kliniken für den Schwachsinn geholfen hat eine entsprechende in Osaka zu finden bekam ich endlich eine Email aus Australien: Visum genehmigt.

Meine Email, welche meine Situation umschrieb hatte Wirkung gezeigt.

YES!

Meiner Finanzsicherung stand soweit nichts mehr im Wege. :) MANN, war ich gut drauf! Alle Aufregung für Nüx und knapp 1000km galoppiert wie ein Blöder, aber hey - Training!

Nachdem also zuerst die Preislage meine Pause hinauszögerte, war es anschließend diese Mail aus Australien, welche mich fast zwei Wochen weiter täglich mehr als 100km durchziehen ließ. Und in Osaka angekommen waren es wieder Preise, welche mich auf Trab hielten...den Rest der goldenen Woche musste ich wohl noch aushalten und weil in Osaka selbst nichts mehr zu tun und sehen gab lag es auf der Hand das einzig Sinnvolle zu tun: weiterfahren!

Ab sofort komplett ohne Zeitdruck und entsprechend entspannt ging es fortan westlich durch Himeji mit einer weiteren schönen Burg und wenig später mit einer Fähre rüber auf die Inselprovinz "Shikoku".

Kagawa, eine Gegend bekannt für Udon Nudeln lockte mich her. Mehr als nur klar, dass ich Nudelfanatiker dort einen entsprechenden Kurs mitmachen musste! :)

Pause konnte ich dann auch endlich machen und habe mich so faultiermäßig benommen wie schon LANGE nicht mehr - lediglich deutlich hygienischer als ein Faultier, versteht sich.

Über den genialen Radweg entlang der Inseln und Brücken die eben jene miteinander verbinden zurück auf die große Hauptinsel und via Hiroshima nach Westen. Flache Strahlungswitze spare ich mir hier mal, muss aber zugeben, dass in der Stadt erstaunlich wenig Aufheben um die Sache gemacht wird. Natürlich hat's Museen und gewidmete Plätze, sowie das - soweit ich weiß - einzige noch halbwegs original vorhandene Gebäude nach der Katastrophe, aber im Allgemeinen ist die Stadt thematisch voll auf "Frieden" fixiert. Bisher habe ich keinen Ort in der Welt gesehen, der dem Frieden in ähnlichem Maße gewidmet ist.

Die Bombe explodierte weit oben im Himmel und nur 160m versetzt vom Lot dieses Gebäudes. Einzig diesem relativ senkrechten Winkel unterhalb der Detonation ist zu verdanken, dass es so "gut" erhalten blieb: die Druckwelle presste fast senkrecht auf die Wände, anstatt sie großflächig umzustoßen.

Den Menschen im Inneren hat das natürlich nicht geholfen.

Es war merkwürdig, auf diese Stadt zuzufahren. Hinter einer Biegung entlang der Küstenlinie war die Bucht von Hiroshima plötzlich im Blickfeld und ich versuchte mir diese Situation vorzustellen...

Irgendjemand mag an der selben Stelle zum selben Ziel wie ich unterwegs gewesen sein.

Diese Person erblickte den Lichtblitz und verdampfte noch bevor sie sich fragen konnte, was das gewesen sein mag.

Ausgelöscht. Herausgestrichen aus der Geschichte, nichts mehr da außer den Erinnerungen von Angehörigen außerhalb der Reichweite der Zerstörungskraft.

Absurd.

Mein Plan, die Zeit in Japan in der Küstenstadt Fukuoka enden zu lassen, musste gekippt werden.

Von dort wollte ich die Fähre in das nächste Land auf der Liste, Südkorea nehmen, doch eben jene Fähre war NATÜRLICH genau dann in Wartung. Es ist genau wie mit goldenen Wochen...mein Timinig ist einfach scheiße, selbst ohne persönliches Dazutun!

Glücklicherweise gibt es einen weiteren Fährhafen um dasselbe Ziel zu erreichen und so endete meine Reise durch Japan in Shimonoseki; zwei oder drei Tagesritte früher.

Das war's also. Japan.

Was für 1 Land.

Ein ganzer Haufen Träume ist in Erfüllung gegangen und ich war mehr als nur wehmütig, es zu verlassen; Preisklasse hin oder her.

Mir fehlen die passenden Worte um auszudrücken, wie sehr ich es vermissen werde. Nach der langen Zeit in den asiatischen Ländern auf dem Festland und den Philippinen war Japan etwas besonderes, eine Erfrischung.

Wie kein anderes Volk der Welt verstehen es die Japaner, ihre Tradition und Herkunft weitesgehend beizubehalten und in die Moderne zu integrieren, ohne dabei in der Vergangenheit hängen zu bleiben. Ich kam mir stets vor, als wäre ich dauernd von Adel umgeben gewesen - und ich dreister Penner legte mich zum Schlafen in die fürstlichen Gärten!

Eine Zeit, die ich niemals vergessen werde - Japan hat mich nicht zum letzten Mal gesehen.

Sayounara!