Das (vorläufige) Ende (der Welt)

Aus klein mach groß! Meine Zeit in Australien ging zuende und meine Vorbereitungen für die langersehnte Weiterreise langsam zum Abschluss. Großes lag vor mir; im Anschluss an Neuseeland würde ich unter Anderem die mächtigen Anden Südamerikas herausfordern. Bis hierher kam ich mit meinen Kapazitäten gut zurecht, extrem selten sah ich mich vor einer längeren Strecke in der mein Platzangebot für Verpflegung und Ausrüstung für klimatische Umstände nicht reichen würden. Keine Probleme soweit. Doch die Aussicht auf das was dort kommen sollte zwang mich zum Umdenken - statt 100km wären oft nur 50 drin und dann wäre ich so kaputt, dass ich Verpflegung für 150km brauchen würde. Mehr Platz war vonnöten und so rüstete ich vorweg meine Taschen auf und addierte mehrere dutzend Liter an Volumen dazu. Für die lockeren Zeiten können sie ja leer bleiben. :)

Abschied vom Radelman und mit drei unkomplizierten Flügen fand ich mich in Neuseeland ein.

Neuseeland! Bekannt in aller Welt, eines der top Reiseziele auf dem Planeten für Reisende aller Art, nicht zuletzt Radreisende. Wie lange ich auf diesen Tag gewartet habe! Besonders nach der langen Zeit in Australien war die Aussicht auf Seen, grünes Leben und Berge eine Injektion seelischer Energie und es war allerhöchste Zeit für soetwas!

Gelandet in Christchurch, Südinsel, sollten zuerst noch weitere Ausrüstungsteile besorgt werden: es fehlte an Schlafausrüstung im Zelt. Diese war leicht aufzutreiben, doch das Vergnügen eines einfach gelungenen Starts sollte nicht unbeschattet bleiben...eine der Streben des vorderen Gepäckträgers löste sich und schwang während der Einkaufsfahrt in die Speichen wo sie eine Speiche zerstörte. Besten Dank, ein Alptraum wurde wahr!

Doch das war nichts, worauf ich nicht zumindest materiell vorbereitet war. Ersatzspeichen hatte ich von Tag 1 im Gepäck; soeine Speiche ist leicht gewechselt. Das Hexenwerk, ein durch den verlorenen Zug der zerstörten Speiche verzogenes Laufrad wieder gerade zu bekommen lies sich mit ein oder zwei Videos auf YouTube meistern. Das Internet, die größte (Des)Informationsquelle der Menschheitsgeschichte, immer wieder geil! :)

Nun gut, Fahrrad lief wieder, Ausrüstung bereit - Abfahrt, hinein in's Abenteuer!

Der Weg lag klar vor mir: zuerst ein Umweg. Die Landzunge mit dem Örtchen "Akaroa" am Ende sollte mein erstes Ziel sein, eine natürliche Sackgasse versteckt hinter einem Berg. Es war ein erstaunlich heißer Tag und der Berg bedingt durch meine lange Abstinenz ein ernsthaftes Hindernis. Obwohl ich mich einige Wochen zuvor neben dem australischen Arbeitsalltag im Fitnessstudio warmgeradelt habe, war soein Berg dann eben doch nicht so einfach wie gehofft, doch die Strapazen allemal wert:

Akaroa, mit dem Namen aus der Sprache der Ureinwohner Neuseelands, den Maori, ein schöner, leckerer Vorgeschmack.

Nicht wirklich grün, schon gar nicht so wie ich gehofft hatte...der Frühling war heiß und trocken, wie mir erzählt wurde. Neuseeland wurde von einer Dürre heimgesucht. Dementsprechend sah man auch überall im ganzen Land Bewässerungsanlagen die großen Flächen der Landwirtschaft beregnen.

Die Sackgasse Akaroas verließ ich nach einem Tag wieder und brach mitten in's Land Richtung Tekapo auf.

Direkt damit begann der Alltag, der für mich in Neuseeland normal werden würde.

Neuseeland ist bekannt für eine ganze Reihe wunderschöner Orte welche jeden Besuch wert sind - mit einem völlig banalen Land dazwischen.

Die offiziellen Zahlen nennen 75%. Das ist der Anteil der Fläche beider Inseln, der für die Landwirtschaft gerodet wurde. Stehen gelassen wurde der Urwald fast ausschließlich dort, wo man sowieso nicht vernünftig arbeiten könnte. Dementsprechend sah das dann so aus:

Weidefläche. Praktisch das ganze Land.

Kühe, Schafe, Kühe Schafe, Schafe, Kühe. Einmal verirrte sich eine Orangenplantage und ein Weinberg in meine Route, aber Kühe und Schafe bestimmten maßgeblich meinen Eindruck von Neuseeland. Großbritannien also. Mit besserem Wetter! ...meistens.

Unterbrochen wurde die blöckende und muhende Dauerschleife von eben dem, weswegen man überhaupt das Ende der Welt bereist: Berge, mit Seen, deren Panorama sie sind. Zum Beispiel Lake Tekapo.

Zusammen mit den Perlen des Landes erfährt man auch sofort, wofür Neuseeland gleichzeitig verflucht wird: Massentourismus.

ALLE hochbekannten Magneten für Touristen aus der ganzen Welt sind völlig überlaufen und haben die nationale Schönheit in soetwas wie einen Freizeitpark verwandelt: Hubschrauber und Propellerflugzeuge fliegen in Schwärmen durch die Lüfte, damit die Instagram-Touristen ihre Bildchen machen können. Anstatt der Ruhe eines Sees genießt man den Motorenlärm der Jetskies, mit denen Touristen über den Wasserspiegel schießen. "Ziplines" und ähnliche Bespaßungskonstruktionen runden das Paradies für den Instagrammer, der mit Erzählungen, Bildern und Videos von seinen sagenumwobenen Abenteuern in der Welt berühmt werden will wie zig Tausende vor ihm auch, ab.

Instagram-Touristen. Was von diesen Leuten zu halten ist, breite ich hier nicht aus. Ist letztendlich auch nur meine Meinung, gleich neben der Ansicht, dass jeder auf seine Weise glücklich werden soll. Mir ist es allerdings schon peinlich ein Bild von mir selbst zu machen (oder auch nur machen zu lassen), geschweige denn mir dauernd eine Kamera in's Gesicht zu halten und damit gegebenenfalls auch noch Selbstgespräche zu führen. Dennoch, soll ja jeder auf seine Weise glücklich werden.

Lake Tekapo war dann auch mein erster Platz für eine zünftige Pause und dringend benötigt! Neuseeland gestaltete sich als hügelig und die Distanzen zwischen den schönen Orten, in denen man sich in einem preiswerten Hostel unterbringen konnte weit. Damit empfand ich es als ungeahnt anstrengend, das Land zu bereisen. Lange Distanzen zwangen mich dazu, mein Rad stets schwer beladen zu halten, damit mir unterwegs nicht die Verpflegung ausging. Scharfer Gegenwind, teilweise so stark, dass ich bei einigermaßen steilen Abfahrten angehalten(!) wurde und ich in Sporthaltung treten musste um vorran zu kommen tat sein Übriges. Doch das war durchaus gut so; solche Umstände würden sich in Südamerika noch verschärfen. Neuseeland würde auf diese Weise zu einem hervorragenden Training vor dem großen Kontinent sein!

Ich blieb also einige Tage in Lake Tekapo und gönnte meinen Beinen zum ersten Mal eine Pause bevor ich wieder weiter in den Westen aufbrach. Mount Cook war das nächste Ziel.

Unterwegs mehr Berge und weite Flächen. Dabei auch immer wieder Haltebuchten für Leute, die zum Sternegucken bei Nacht anhalten wollen. Neuseeland ist auch bekannt für einen sagenhaften Sternenhimmel, dieser hat sich mir jedoch stets entzogen. "Pech mit dem Wetter" wäre eine äußerst sanfte Umschreibung dessen, was bei mir abging! Und mit den Wolken bei Nacht waren die Sterne außer Sicht. :(

Auch aus der Sicht: mein Ziel! Mount Cook, eines der natürlichen Highlights des Landes, ein majestätischer Berg verborgen von Regenwolken. Immerhin die 60km lange Fahrt in die Sackgasse dort hin war recht hübsch anzusehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Dieser Baum" in Wanaka

Den ersten richtigen Nackenschlag verpasste mir das Wetter auf dem Weg nach Queenstown, einem DER Orte im Lande, die man gesehen haben MUSS. Es regnete in Strömen und als würde das alleine soeinen Tag im Sattel nicht schon unangenehm genug machen, haben Nebelschwaden und Wolken die ganze Gegend dicht eingehüllt und vor meinem neugierigen Blick versteckt. 3 Tage regnete es durch. Ich sollte nur 2 Nächte bleiben, verlängerte dann aber meinen Aufenthalt um eine Nacht, um vielleicht einen Tag später bei besserem Wetter aufzubrechen. Und wie gut, dass ich mich frühzeitig darum bemüht hatte; in Queenstown zeigte sich Neuseeland von einer äußerst häßlichen Seite!

Der Regen (wirklich nur der Regen, niemand sprach von Erdrutsch oder so) hat mehrere Landstraßen zerstört. Die Busse, mit denen viele Reisende dort das Land durchqueren fuhren nicht. Sie konnten Queenstown nicht verlassen, zumindest nicht in die gewollte Richtung. Sie konnten auch nicht bleiben, denn die Betten waren bereits von denen gebucht, die aus den offenen Richtungen rein kamen. Zu Dutzenden standen sie allein an der Rezeption meines Hostels und konnten nur weggeschickt oder vertröstet werden. Ohne Stornierungen der Bustouristen, die nicht kommen konnten, können die Unterkünfte keine gebuchten Betten neuvergeben. Auf den einschlägigen Buchungsportalen war schon nichts mehr zu finden, als ich verlängerte, ich hatte riesiges Glück! Dann verschwanden auch die unnötig teuren Unterkünfte ab 100$ pro Nacht. Wer nichts fand und / oder keine 200$+ für eine Nacht im Trockenen ausgeben wollte, schlief die nächste Nacht auf der Straße, wie ich sehen musste. Ganz große Klasse, erste Welt.

Der Regen hörte nicht auf und ich konnte nicht nocheinmal verlängern - ich verließ das Juwel der Südinsel ohne es gesehen zu haben in eine ungeplante Richtung.

Nicht unbedingt ein Unglücksfall! Der Regen reichte nicht weit außerhalb Queenstowns und bald fand ich mich bei bestem Wetter in einer beeindruckenden Schlucht mit reißendem Fluss und genanntem Weinberg ohne diese Strecke je geplant zu haben. :)

Dennoch hatte sich einiges geändert. Der Plan sah vor, von Queenstown noch etwas weiter in den Westen zu fahren und anschließend durch den Süden nach Osten zu drehen um von Dunedin aus nocheinmal nach Wanaka zu kommen, denn dort ist eine der wenigen Straßen, die die Westküste der Insel zugänglich machen und dort sollte ich in den Norden entlang gehen.

Wegen den von Regen zerstörten Straßen musste dieser Plan umgeworfen werden. Statt gegen den Uhrzeigersinn müsste ich diese Runde im Süden eben andersrum fahren. So käme ich zwangsläufig auch nochmal nach Queenstown, diesmal hoffentlich bei gutem Wetter!

Es war eine Tortur.

Nicht nur, dass der Weg bis nach Dunedin und dann weiter in den südlichen Teil der Insel nichts sonderlich Sehenswertes zu bieten hat und überall nur Kühe und Schafe den Alltag prägten, das Wetter spielte weiterhin Streiche aller Art. So sehr das Training für Südamerika nötig war, ich kam nicht umhin festzustellen, dass Neuseeland mit dem Fahrrad frustrierend zu bereisen ist. Zu der Zeit wurde die Südinsel innerhalb von 3 Wochen von 5 Stürmen getroffen, 4 davon habe ich am eigenen Leib erfahren. Jene Stürme brachten mieses Wetter, das Land hügelig, die Cafés zur angenehmen Gestaltung des Tages weit voneinander weg, wenige Belohnungen unterwegs. Naja.

Einer dieser besagten Stürme war jedoch trocken und ich Hornochse hab mich ihm in den Weg gestellt. NATÜRLICH haben alle Stürme die mich trafen perfekt in die falsche Richtung geweht! 3 Tage lang kämpfte ich gegen diesen trockenen Sturm in Sporthaltung und leichtem Gang, den ganzen Tag um 10km/h kämpfend wie damals in der Karakum Wüste in Turkmenistan. Weit ab der touristischen Gegenden keine bezahlbare Unterkunft, also Zeltnächte. Da macht das Aussitzen eines Sturms auch keinen Spaß, also bin ich da halt durch.

Der Lohn für diesen Aufwand kam weit im Süden: es war ein Stück Land der Maori, wo man den Urwald hat stehen lassen müssen. Entlang der Küste gelegen bot er atemberaubende Ausblicke auf das, was man wirklich einen Dschungel nennt und noch dazu die "Cathedral Caves", Kathedralen-Höhlen am Strand, welche nur bei Ebbe besucht werden können.