Gutes Karma für den Frieden

(Süd)Korea.

Was sind die ersten Gedanken, die einem Westlichen bei diesen Worten durch den Kopf gehen?

Das ist wohl vor allem von der Generation abhängig. Gereifte Generationen denken da wahrscheinlich vor allem an die Angst vor einem dritten Weltkrieg, als Korea sich in kommunistisch und "eher westlich" aufteilte und im Verlauf einiger Jahre ein Stellvertreterkrieg zwischen China und den USA entstand. Dies ist mehr als 60 Jahre her und offiziell sind die entstandenen, voeinander unabhängigen Staaten Nord- und Südkorea miteinander im Krieg.

Spätere Generationen haben von den harten Kriegszeiten Koreas nichts mitbekommen und kennen nur den Jahrzehnte anhaltenden Dauerstand: miteinander im Krieg befindliche Staaten mit einer entmilitasisierten Zone entlang des Grenzverlaufs und Bilder von klassisch asiatisch klein geratenen Generälchen mit zum Schießen komischen Hüten, wobei "zum Schießen" in diesem Zusammenhang bitte nicht falsch zu verstehen ist! Heute ist dieser ganze Zoff nicht nur völlig passiv, denn es wird schon sehr lange nicht mehr geschossen, nein, er wird längst von Leuten ausgetragen, an die damals nichtmal gedacht wurde. Menschen, die von den Gründen für den ganzen Konflikt nur aus Geschichtsbüchern wissen und wahrscheinlich selbst keinerlei Groll gegen die andere Seite hegen. Da ganz ohne Gewalt und praktisch nur auf dem Papier ist dieser Krieg die letzte Zeit einer der schönsten der Geschichte gewesen, aber im Allgemeinen zeigten die Umstände, wie sinnlos das alles nur noch ist.

Sehr lange Zeit stehen sich die zwei Staaten wie angepisste Eheleute im Scheidungsprozess gegenüber. Entsprechend der uralten Witze über weibliche Gemütszustände betrachte ich den ausufernd-militärischen Teil im Norden mal als die Frau und den entspannten Süden als Mann. :)

Madame äußerst zickig, sorgt immer wieder mit militärischem Klimbim für Schlagzeilen; dumme Aussagen gegenüber diversen Weltmächten, man könne jederzeit jeden einfach irgendwie zerstören.

Joa.

Und dann ist da der Süden, der zwar genervte aber entsprechend der Weltoffenheit eher entspannte (Ex)Mann. Der Kerl neigt ja sowieso in solchen Geschichten dazu sich mit seinen Kumpels zusammenzusetzen und erstmal Einen zu heben, das tut einfach der Seele gut. Das Ergebnis dieser Entspannung ist ein Teil Koreas, welcher der Jugend vor allem für abgefahrene Musik mit unverständlichen Songtexten, welche niemand auch nach Jahren nachsingen kann, bekannt.

Hier, nur mal zum Probieren die erste Strophe:

 

Najeneun ttasaroun inganjeokin yeoja
Keopi hanjaneu yeoyureul aneun pumgyeok inneun yeoja
Bami omyeon simjangi tteugeowojineun yeoja
Geureon banjeon inneun yeoja

Naneun sanai
Najeneun neomankeum ttasaroun geureon sanai
Keopi sikgido jeone wonsyat ttaerineun sanai
Bami omyeon simjangi teojyeobeorineun sanai
Geureon sanai

Areumdawo sarangseureowo
Geurae neo, hey, geurae baro neo, hey
Areumdawo sarangseureowo
Geurae neo, hey, geurae baro neo, hey
Jigeumbuteo gal ddekkaji gabolkka

Alle Klarheiten beseitigt? :)

Das zweite Ergebnis der friedfertigen Entwicklung ist ein Land, welches bereist werden kann.

Aber: gerade wegen den oben beschriebenen Umständen ist der Süden im westlichen Tourismus etwas....unterrepräsentiert um es mal so auszudrücken, da ändern auch Charts-Stürmer nix. Nur die Zeit konnte daran langsam etwas ändern.

So gut wie niemand in Deutschland und wahrscheinlich allgemein Europa war jemals in Korea oder kennt auch nur jemanden, der mal dort war. Selbst die Radreiseszene beschränkt sich größtenteils auf die Flussradwege, welche Teile des Landes miteinander verbinden. Entsprechend gering fällt die Ausbeute an Informationen zum Reisen in Korea aus; lediglich die für Reisende typische App "TripAdvisor" ist voll mit sowas. Aber selbst da findet man nur Informationen zu touristischen Highlights, das Land an Sich scheint dem Westen praktisch unbekannt zu sein.

Südkorea grenzt damit mehr oder weniger an ein "unbeschriebenes Blatt" und kann heute noch "entdeckt" werden. Eine Radreise durch das Land ist damit in geringem Maße "Pionierarbeit", so zumindest habe ich mir das etwas vorgestellt. Und weil die Verbindung zu Korea so herrlich einfach mit einer Fähre von Japan aus zu bewerkstelligen ist, lag es damit absolut auf der Hand diesem unbekannten Land einen Besuch abzustatten! :)

Mit jeder Menge gutem Karma war ich damals noch in Japan unterwegs; dieses Land hat meiner von Südostasien geschundenen Seele und dem Körper so gut getan! Strahlend vor Glück wie der erleuchtete Buddha war ich unterwegs und was mussten meine Augen in den Nachrichten lesen? Die verkrachten Eheleute sitzen plötzlich an einem Tisch und machen Frieden!

Nur für das Protokoll: kurz nach meiner Geburt öffnete man die Mauer, am Tag meiner Ankunft im iranischen Yazd wurde diese uralte Stadt zum UNESCO Weltkulturerbe und kurz bevor ich dort erscheine macht Korea Frieden, wenn auch erstmal nur durch Reden und Patschehändchenschütteln.

Ich biete ganz offiziell meine (angedrohte) Anwesenheit in aller Welt an um Frieden zu schaffen! :) (nur bitte bezahlt meine Flugtickets.)

Soweit ich weiß wurde bis heute kein Friedensvertrag unterzeichnet, aber freuen wir uns einfach mal darüber, dass ein Krieg, welcher schon längst nichts anderen ist als bloßes Erbe nach gutem Willen beendet werden soll!

Die südkoreanischen Einheimischen sind diesbezüglich natürlich in überschwänglicher Freude anzutreffen; man freut sich auf die Aussicht den 2 Jahre dauernden Militärdienst zumindest verkürzt zu sehen und auch den alljährlichen Einzug aller Zivilisten für einige Tage "Auffrischung" der Fertigkeiten an der Waffe sieht man gerne abgeschafft.

Doch bis man mir das erzählen konnte, vergingen Wochen in diesem Land, angefangen in Busan, der Hafenstadt im Südosten die ich nach der Überfahrt von Japan erreichte.

Welch Wunder asiatischer Natur und Kultur würden mich erwarten? Hochgespannt ging ich von Bord und sah zuerst eine typische asiatische Großstadt mit großem Hafen. Verdreckter Flusslauf, etwas Chaos...bitte kein Südostasien in 10 Jahren?!

Natürlich musste ich dort schnell raus, gleich nach der Reparatur der Bremsen, welche in Japan doch sehr gelitten haben.

Was folgte war wirklich nicht, was man sich von einem ostasiatischen Land erwartet...Autobahn.

Mein Weg verlief stur nach Westen, nicht direkt entlang der Küste um gewaltige Umwege zu vermeiden, denn Korea ist genau wie Japan extrem hügelig und ich war nicht gewillt mich nocheinmal durch soetwas zu prügeln. Also hielt ich mich in den Tälern zwischen den Hügeln, wo die Strecke aber eben auch mal völlig unromantische Autobahn war. Dies ging für mehrere Tage, bis ich in Mokpo ankam. Die erste fantastische Aussicht:

Gangnam Style - PSY
00:00 / 00:00

Keine Chance, dort nicht zu nächtigen!

Und dann das:

Mais-Eis. Kann man mal gegessen haben. Schmeckt, wie man sich das vorstellt.

Bis hierhin gab es wirklich nichts zu sehen. Merke: wenn ich einen Blog schreibe und ich verfasse einen ellenlangen Text, kürze eine Teilstrecke mit wenigen Worten ab und zeige keine Bilder, dann ist das IMMER sehr gut begründet. Es gab schlichtweg nichts zu sehen was es wert gewesen wäre das Bremsmaterial für ein einen Fotostopp zu beanspruchen. Wirklich so GAR NICHTS.

Erstmalig geändert hat sich das auf der im Südwesten gelegenen Insel "Jeju", ein in ganz Asien beliebtes Urlaubsziel; die Inselbewohner nennen sich selbst "die Brasilianer Asiens". Hab selbst nicht den Eindruck besonders lebensfroher Menschen gewonnen, aber es gab zumindest einige naturelle und auch kulturelle Ansichten zu feiern.

Jeju ist eine Vulkaninsel, gewissermaßen ist die ganze Insel einfach die Spitze eines Vulkans. Diese kann man erklimmen, habe ich aber nicht gemacht. Man kann halt von oben runter sehen auf...Bäume.

Mein Augenmerk lag auf anderen Dingen, wie zum Beispiel Nationalsparks mit Nahansicht gerade erwähnter Bäume, vieler Tiere in zweifelhaften Haltungsbedingungen und Lavatunneln (Lavatunnel entstehen, wenn der obere Teil eines Stroms zuerst abkühlt und eine stabile Decke bildet, während der flüssige Teil abfließt und dann natürlich einen Tunnel zurücklässt).

Und so lernt man in Asien, woher der Begriff "Mimose" kommt.

#reisenbildet

Freilichtmuseum über die Lebensart der Ureinwohner Jejus. Auch auf dem Festland gibt es solche Anlagen zu Besichtigen.

Könnte glatt die Nordsee sein, wenn diese Statue nicht wäre.

So gar nicht asiatisch, aber der bis dahin tollste Anblick :)

Die Friedenstaube, äußerst passend zu der Zeit.

Auf Jeju gibt (oder vielmehr gab) es eine Frauengruppe, welche minutenlang tauchen konnte um verschiedenste Dinge aus dem Meer zum Nutzen an Land zu sammeln. Heutzutage wollen die Ladies natürlich am Smartphone hängen und ein normales Leben in der Zivilisation leben. Diese Gruppe stirbt wortwörtlich aus, doch mir wurde gesagt, man kann an manchen Orten ab und zu noch hören, wie die letzten (alten) Damen ihre Atemübungen machen, bevor sie abtauchen.

Jeju war mal was Anderes, vor allem nach den Tagen auf der Autobahn zuvor, doch immernoch nicht das, was man in Asien erwarten würde. 5 Tage habe ich der Insel gegeben, dann bin ich zurück nach Mokpo um meinen Weg fortzusetzen; stur nach Norden Richtung Seoul. Weiterhin nichts besonderes zu sehen...aber ab Suwon, kurz vor Seoul änderte sich das typische asiatische Großstadtbild von

zu

"Niemand."

Suwon ließ das Herz gleich Höher schlagen: eine alte Stadtmauer wie es sich für Asien gehört mit Ausblick auf die moderne.

Etwas verstörend waren die Kampfflieger, welche im Minutentakt über Seoul und Suwon kreisten und in der Nähe einen Militärflughafen ansteuerten. Trotz der laufenden Friedensbemühungen läuft der Militärdienst weiter. Machen einen Höllenlärm, die Dinger...die Einheimischen kennen es nicht anders; ich habe mir trotz Gewöhnung an den asiatischen Straßenverkehr die Ohren zu halten müssen.

Seoul ist ein Hammer von Stadt. Wie erwartet eine Metropole aus Hochhäusern, aber auch hier sind die kulturellen Wurzeln stellenweise erkennbar: