Grenzen

Der Plan war so einfach: Einreise nach Turkmenistan, den ersten Tag durch die Öffnungszeiten der Grenze gezwungenermaßen am hellerlichten Tage, den zweiten Tag dann unwillig aber notgedrungen noch fast in der Nacht starten, Nachmittags irgendwie irgendwo schlafen und von da an praktisch nur noch Nachts fahren. Dieses geltend für Turkmenistan und Usbekistan, Länder, in denen die Wüste den Menschen eine lokale und eigenwillige Lebensart aufdrängt. Nahezu drei Wochen lang etwas unter den krassen Umständen leiden, sich aber durchbeißen und am Ende stolz sein.

Aber wie das mit den Plänen nunmal so ist...

Die Wüste Zentralasiens - ein vergleichsweise kleiner Teil der weltbekannten Seidenstraße erstreckte sich vor dem Blick in die Unendlichkeit. Kein Fixpunkt am Horizont, kein Ziel, welches erreicht werden könnte. Ich schlief nicht gut...

Der Morgen des ersten Tages war schon etwas seltsam. Aufgeregt und leicht ängstlich saß ich mit Walter, dem niederländischen Radler, mit dem ich mich für Zentralasien zusammengetan habe am Frühstückstisch und befolgte den Rat meines Lieblings-Gimlis: Salz zu mir nehmen. Salzverlust ist einer der größten Schwachpunkte eines schwitzenden Sportlers und so ließ ich mir den Tee am Morgen mit einer Prise Salz nicht schmecken.

Alsbald fanden wir uns an der Grenze ein. Das ganze Prozedere hat so lang gedauert, dass wir uns tatsächlich erst Mittags im Land befanden. Dementsprechend war es bereits an der Zeit, etwas zu Mittag zu essen und dazu eine kleine Lokalität aufzusuchen. Vor einem Haus gingen einige Leute ein und aus und ein Mann rief uns "Restaurant" zu. Während wir uns dem Haus näherten fiel zuallerst auf, dass die Damen wieder wie Menschen aussehen durften. Keine Kopftücher, keine Burkas, nichts dergleichen. Unverhüllte, weibliche Kurven. Ewig nicht gesehen, sowas! Im Inneren des...."Restaurants" mehr davon. Mehr unverhüllt. Halbnackte Frauen starrten uns an wie Aliens. Schau an, wir haben den Grenzpuff gefunden!

Hundert Meter weiter südwestlich wäre den Ladies der Kopf abgeschlagen worden. Witzig, welchen Unterschied soetwas größtenteils ungreifbares wie eine politische Grenze machen kann.

Auf den Absätzen umdrehend bedankten wir uns und verschwanden. Eine guter Dönerbude konnte uns länger festhalten - der beste Döner seit ich Bielefeld verließ!

Doch dann sollte es losgehen - und schief gehen.

Der Tag verging wie die beiden anderen Tage in der iranischen Wüste zuvor auch: dutzende Kilometer gute Fahrt, dann schlagartiger Leistungseinbruch und es ging nicht mehr viel.

Walter war schon lange fort, als ich nach einem militärischen Grenzposten irgendwo im bedeutungslosen nirgendwo nicht mehr mithalten konnte, zog er langsam davon. Ich kann's ihm nicht verübeln, hätte das wohl genauso gemacht, wenn man bedenkt, was an dem Tag noch vor uns lag! 130km lagen auf dem Plan und wir konnten erst am frühen Nachmittag starten - solche Distanzen zwischen Mittag und Sonnenuntergang sind auch außerhalb der Wüste abartig genug. Da dann noch auf den Anfänger warten? Nee.

Über Stunden konnte nichts anderes passieren, als sich geradeaus voran zu schieben. Kein Ende am Horizont, die grünen Flecken, welche nach Schatten spendenden Bäumen aussahen erwiesen sich als kleine Büsche.

Kein Schatten in einer Sonne, die mit mehr als 45°C auf den Körper brennt. Die 13 Liter Flüssigkeit im Gepäck schrumpften bedrohlich schnell. Zu schnell.

Als ich nur noch etwa 3 Liter übrig hatte, reichte mir jemand aus seinem Auto eine Flasche. Sie war noch eiskalt! Das Wasser aus meinem Tank in die handlichen Flaschen umzufüllen fühlte sich schon nach einer Stunde in der Wüste an, wie als wenn ich jemandem beim Pissen eine Flasche unterhalten würde.

Und schon bald musste ich einsehen, dass es schlichtweg nicht funktioniert.

Meine aus Ostgriechenland gewohnte Reisegeschwindigkeit von guten 28km/h auf flach verlaufender Straße war längst auf 10-12km/h zusammengeschmolzen. Viel Anstrengung für geringen Fortschritt. Eine Qual, die niemals enden würde?

Ich wusste nicht so recht, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Mein Leben war mehr oder weniger bedroht, denn bis zum Etappenziel des Tages und damit der nächsten Quelle für Nahrung waren es noch mehr als 60km. Dabei noch 2 Liter Wasser auf dem Rad. An die akute Gefahr dachte ich interessanterweise kaum, mich beschäftigte vielmehr die Suche nach Grund für die Schwäche meines Auftritts.

Als ich die Reise plante und mir Gedanken zu der Wüste machte, tat ich das alles recht einfach ab.

"So viele Radreisende packen das, da bin ich doch sicher nicht einer von denen, die von Fehlschlägen erzählen müssen! Das wird schon - irgendwie."

Ich hatte ja keine Ahnung.

Vor allem keine Ahnung von den Auswirkungen mangelnder Versorgungsmöglichkeiten. Die komplette Wüstenradlerei wäre "kein Problem" gewesen, wenn man die Möglichkeit hätte, sich die Strecke in Tagesetappen von schlappen 50km zu zerhäckseln wo man jeden Tag an Getränke, Essen und Schatten gelangt. Nein, stattdessen muss man etwa 460km in 5 Tagen reißen. Und das in der wohl lebensfeindlichsten Umgebung der Erde.

Wie gesagt, viele Radreisende gehen diese Wüste an und schaffen es. Wieso ich nicht?

"Bin ich so schwach?" fragte ich mich.

Ich weiß es bis heute nicht. Andere Radreisende sind oftmals erstaunt über mein Tempo (außerhalb der Wüste...). Alle von ihnen berichten von ihrem Hass auf die Zeit, die sie selbst in der zentralasiatischen Wüste verbracht haben.

Ist die Wüste einfach zu viel für mich? Ich war zu dem Zeitpunkt 4 Monate lang Radreisender. Versuchte ich in einer Liga mitzuspielen in der ich (noch) nichts zu suchen hatte?

Das erscheint mir plausibel.

Vielleicht eine natürliche Abneigung und Schwäche gegenüber der Wüste? Dass ich körperlich nicht ganz auf der Höhe war seit ich im Osten Griechenlands ankam und in die Türkei steuerte, wird seine Gründe haben. All die Länder haben vor allem ständige Hitze, Trockenheit und starke Sonneneinstrahlung gemeinsam. Ich war noch nie ein Sommertyp und empfand immer alles was 20°C überschreitet als vollkommen unnötig.

Was auch immer mich in der Wüste so niederschmetterte: es war für mich ein unbesiegbarer Moloch. Und allmählich leicht lebensbedrohlich, denn das Wasser wird knapp.

Mit einem einzigen Liter Wasser stehe ich mehr als 40km vor der nächsten Versorgungsmöglichkeit. Dieser SOS Knopf auf meinem GPS Gerät, welches mir dann einen Rettungstrupp zujagt begann richtig freundlich auszusehen...doch wer weiß, von wo die starten? Wann wären die da?

Ein Lastwagen hielt neben mir an und man gab mir zu verstehen, dass wir meine Sachen hinten drauf werfen und ich dazusteigen kann. Bestens, die Rettung in der Not! Mit 2 Litern Wasser käme ich vielleicht noch durch die Nacht - trotzdem Durst leidend. Der Lastwagen transporterte übrigens Schutt und Dreck.

Warum genau fährt man lastwagenweise Schutt und Dreck durch die Wüste von A nach B?

Völlig wumpe, dieser hier war im Begriff mir den Arsch zu retten! Dabei möchte ich anmerken, dass er nicht wirklich schneller unterwegs war als ich mit dem Rad. Die Straße hat Schlaglöcher wie Einschlagkrater. Da kann man Kinder drin baden, solange es nicht sofort verdampft. Sich stets neu entscheidend, welches Schlagloch nun das geringste übel ist, steuerte der Fahrer sein Gefährt durch das Abenteuer "Wüstenstraße" - bis er mitten im Nichts, vor einer Biegung ins Nichts sein Ziel erreichte. Endstation. Scheiße!

Ich hatte gehofft, er würde mich bis nach Khauz-Khan mitnehmen können. Dort würde ich bis kurz nach Mitternacht schlafen und den nächsten Tag die Nachtfahrt-Taktik beginnen. Hoffentlich mit Walter...er ist sicherlich schon angekommen und macht sich evtl. Vorwürfe. Er hatte ja keine Ahnung, wie es mir ergangen ist.

2km nachdem ich wieder losgerollt bin schreckt mich ein erstickter Ruf aus meinem düsteren Tagtraum.

Walter! Er lag im spärlichen Schatten eines großen Busches wenige Meter abseits der Straße und sah mehr tot als lebendig aus. Dort befand er sich bereits eine Dreiviertelstunde und hyperventilierte noch immer.

"Du hast dir heute Morgen Salz in den Tee getan, oder?"

"Jou."

"Hätte ich mal auch tun sollen..."

Besorgt um ihn aber auch irgendwie angesichts des Umstands, dass selbst ein Profi halbtot im Schatten liegt und hyperventiliert ermuntert, gesellte ich mich dazu und wir erholten uns noch etwas. Es war sowieso nicht verkehrt, die Sonne ein wenig sinken zu lassen, bevor wir den Rest des Tages angehen würden. 35km lagen noch vor uns. Ein ganzer Liter Wasser in meinem Inventar. Spaß machen wird das nicht.

Nachdem wir uns aufrafften und durch die aufgerissene Straße durchgeschüttelt wurden wurde das Unglück auf die Spitze getrieben: Hundeangriff! Kein Schimmer, wo dieses Biest mitten in der Wüste die Kraft hernimmt, noch Radfahrer anzugreifen - aber der benötigte Schalldruck, um das Ungeheuer in die Flucht zu schlagen kostete meine letzte Kraft. Feierabend.

Ich rollte so langsam, dass ich hätte schieben können für weitere 2km und dann war Ende. Mit allem Wasser der Welt hätte ich nicht mehr weiter gekonnt. Essbares war längst nichts mehr in den Taschen. Der Blutzuckerspiegel auf dem Tiefpunkt, die Muskeln am Zittern - ich konnte mich kaum noch auf dem Lenker abstützen.Walter war noch einigermaßen fit, er wollte noch weiter. Ich wollte mich gerade daran machen, mein Zelt neben der Straße aufzubauen, als ein Auto anhielt und man mir anbot mich nach Mary, dem Ziel der zweiten Tagesetappe mitzunehmen. Da musste nichtmal nachgedacht werden; Turkmenistan ist gelaufen! Eine derart tiefe Entkräftigung benötigt Zeit zur Erholung und so war sofort der Entschluss, die Hilfe anzunehmen gefasst. Wegen der kurzen Zeit, die einem das Visum lässt, würde es von Mary motorisiert nach Turkmenabat weiter gehen, wo ich mich erholen würde um die usbekische Wüste zu versuchen.

Die freundlichen Herren ließen mich nach einer langen Fahrt vor einem Hotel raus und ich konnte mich einquartieren.

Die Jungs haben es gut gemeint, aber etwas übertrieben: der Schuppen war ein Luxushotel. Echt nicht günstig. Aber mir in dem Moment sowas von egal.

Die Dusche belebte die Geister, auf dem Weg in die Stadt konnten wir noch zu dritt etwas essen.

Essen...im Zimmer sah ich mich nach langer Zeit das erste Mal wieder im Großformat in einem Spiegel.

Hätte meine liebe Oma mich gesehen, sie wäre sofort mit ihren Spinatomeletts und ihrem Schweinebraten auf Weltklasseniveau in den nächsten Flieger gehüpft und wäre mich füttern gekommen! Oma lehrte mich zu essen und wie ich aussah waren ihre Lehren wohl etwas in Vergessenheit geraten.

Damit sei an dieser Stelle angemerkt: die Küche im Iran ist lecker - aber man kann nicht jeden Tag in einem Restaurant ein halbes Huhn auf Reis verschlingen. Ich fürchte, die Ernährungsweise als ahnungsloser Tourist in den südlichen Städten des Irans hat seinen Beitrag zu meinem körperlichen Zustand geleistet...

Im goldenen Licht meines Zimmers in diesem prunkvollen Palast von einem Hotel fallen mir erst die Brandblasen auf meinen Handrücken auf. Irre, dabei nutzte ich sogar Sonnenschutzmittel!

Der Rest meines Aufenthalts in Turkmenistan war erwartungsgemäß unspektakulär. Der Taxifahrer, welcher mich von Mary nach Turkmenabat fuhr, hatte, nachdem er aus unterentwickeltem Intellekt mit dem Handy am Steuer ein Schlagloch übersah und dabei ein Rad zerstörte, jenes Rad zu wechseln. Glücklicherweise hielten sofort Einheimische, welche fragten, ob sie helfen konnten - diese Hilfe gab der nicht besonders helle aber freundliche Taxifahrer an mich weiter, denn die Jungs fragten aus einem großen SUV heraus. Meine Sachen und mein Rad passten locker rein, also konnte es zumindest für mich gleich weiter gehen. Der Taxifahrer erhielt zum Trost von mir ein religiöses Symbol: eine goldene Hand mit islamischen Zeichen darauf, ein Zeichen für 5 Heilige des Islam.

Ich hab's in Teheran geschenkt bekommen, nachdem ich die Geburtstagsparty eines Freundes meines Gastgebers unterstützt habe. Wie das?

Zuallererst war ich an der Überraschung beteiligt, denn wir haben einen Stromausfall ausgelöst (fragt bitte nicht, wie die Kollegen das angestellt haben...) und uns anschließend in seiner Wohnung versteckt. Als die Feier im Gang war und die Geschenke ausgepackt wurden, kam mein Auftritt: der Aufbau des Hauptteils des Geschenks. Ein Fahrrad. :)

Schnell zusammengebastelt, einige generelle Tips zum Radeln und das Geburtstagskind von über 30 Jahren bedankte sich für Anwesenheit und Hilfe mit Anteilnahme am großen Essen, welches seine Familie zubereitet hatte und eben jenes islamische Symbol. Da vom Rückspiegel des Taxifahrers islamische Gebetsperlen baumelten, schien mir dies ein feiner Zug zu sein - und der Herr freute sich tatsächlich sehr darüber. Angesichts des Umstands, dass er bei über 40°C und ohne Schatten in der Wüste ein Rad am Wagen wechseln musste, war das schon irgendwie erstaunlich...

Nun, die Jungs nahmen mich also mit. Habe ich erwähnt, dass Turkmenistan ein kultureller Keil mitten durch Persien ist?

Die turkmenischen Städte zeigen mehr als deutlich, dass die alte, persische Kultur hier entweder nie Einzug hielt oder abgebaut wurde. Ehemalige Sowietunion. Dementsprechend waren die Städte durchaus beeindruckend anzusehen: riesige, aus weißem Gestein (Marmor?) errichtete, aristokratische Gebäude mit goldenen Verzierungen, große Plätze mit Wasserfontänen, Brücken über künstliche Wasserparkanlagen, Protz und Prunk, Statuen von irgendwelchen Menschen (teilweise Stalin) - alles leergefegt.

Niemand da.

Schöne, offene Städte ohne Menschen. Lediglich der fließende Verkehr auf den Straßen verhinderte den vollkommenen Eindruck von Geisterstädten.

Nur Polizei, wohin man auch sah.

Und dort griff auch das Problem mit dem Verbot der Fotographie in Turkmenistan. Die allgegenwärtige Polizei hat offensichtlich nicht zum Land Gehörende mit zwei Augen fest im Blick - die Kamera blieb besser in der Tasche. Allesamt davon wurden auch bei der Ausreise durchsucht.

Teil der ehemals sowietischen Kultur ist auch das klischeehafte Ding mit dem Wodka. Im Auto wurde kräftig die Buddel rumgereicht, wovon ich allerdings die Finger ließ. Mir machte der Zustand des Fahrers Sorgen, allerdings trank er zumindest seit meiner Anwesenheit nicht und die Flasche war auch bald leer - egal wie der Fahrer drauf ist, schlimmer wird's wohl nicht.

Turkmenabat. Die Jungs setzten mich vor dem Gasthaus meiner Wahl ab und einer hielt mir sein Handy hin. Seine Frau war am Apparat. Ich soll den Jungs einen gewissen Betrag geben.

Ich gebe nun keine genauen Zahlen an, aber von dem verlangten Betrag kann man dort 4-5 Einkaufswagen voll machen. Sie wollten mehr als das Dreifache von dem, was der Taxifahrer für die gesamte Strecke wollte.

Hier nun ein Schnitt in der Erzählung und eine Frage:

Wie muss ich mir soetwas vorstellen?

Ich mein, versetzen wir uns mal in die Lage der Turkmenen und stellen uns vor, wir sitzen zu dritt in einem Fahrzeug, sehen einen Reisenden in einer äußerst misslichen Lage. Sofort wird die helfende Hand angeboten.

Und dann? Im Verlauf der Fahrt unterhält man sich in einer Sprache, die der Ausländer nicht versteht darüber, wie sehr man ihn versucht das Hemd auszuziehen?

Was muss in den Köpfen solcher Leute vorgehen? Ich weiß ja nicht, mit was für Leuten ihr so befreundet seid - aber die Freunde, mit denen ich eng genug in Kontakt stehe, um mit ihnen in einem Auto irgendwohin unterwegs zu sein, würden empört aus selbigem aussteigen, würde ich soetwas vorschlagen. Oder mich rausschmeißen, wenn ich nicht der Fahrer bin.

Wie kaputt muss ich mir das also vorstellen? Einer alleine kann ohne seine Freunde oder sonstwem, dem gegenüber er zu gutem Benehmen verpflichtet ist, nach Belieben die Arschlochattitüde raushängen lassen - aber die saßen ZU DRITT da und im Kollektiv war genug Arschlochattitüde vorhanden, um gemeinsam kein Problem damit zu haben, dem Reisenden übertrieben viel abzuknöpfen und dann hat man sogar noch den Schneid, seine Ehefrau anzurufen und ihr zu sagen, dass sie mir das Ganze übersetzen soll? Madame, suchen Sie sich ein neues Arschloch!

Genau wegen solcher Momente neige ich dazu, bei Gelegenheiten wie denen im Auto das "Gespräch" in eine Richtung zu Lenken, dass irgendwann meinerseits Informationen zu meiner Vergangenheit als Kampfkünstler durchsickern - extra, damit solch miese Aktionen gar nicht erst versucht werden.

Nun, dieses Mal wurde es nicht verhindert, aber die Wirkung wurde nicht ganz verfehlt.

 

Zurück zur Erzählung.

Vor mir also drei hilfsbereite Kerle mit Arschlochattitüde, die mich ausnehmen wollen, weil sie mir geholfen haben. Viele, viele Menschen hätten hier ein wenig die Nerven verloren und gezahlt - aber nicht mit mir.

Ich gab sehr gerne einen angemessenen Betrag für die Hilfe, welcher ein Zehntel von dem war, war die Jungs mir abknöpfen wollten, und es war genug. Während der Fahrt machte ich scheinbar deutlich genug klar, dass ich kein einfaches Opfer bin.

Sicher, einen Kampf gegen drei kräftige Kerle würde ich wahrscheinlich nicht als strahlender Sieger verlassen, doch würde der Preis für den Sieg für jeden Einzelnen von ihnen weitaus höher sein als das, was sie von mir verlangten.

Nachdem ich also in Gelächter ausbrach und verdeutlichte, dass ich niemals so viel zahlen würde, gaben sie sich eilig mit meinem Angebot zufrieden und machten sich davon.

Das Gasthaus habe ich dann allerdings nicht gewählt. Lieber habe ich mir ein Hotel woanders in der Stadt gesucht, denn irgendwie braute meine Fantasie die Vorstellung von einem Überraschungsbesuch einer größeren Überzahl mit Messern zusammen.

Eine Entschuldigung an alle Angehörigen des ehemals sowietischen Kulturkreises, aber an diesem Tag wurden einfach zu viele Klischees erfüllt. 

Drei Tage musste ich darauf warten, dass mein Visum für Usbekistan gültig wurde und gut vorbereitet konnte ich den Versuch wagen!

An der Grenze traf ich Walter wieder - ihm ging es gut, er hat es gepackt! Nicht unbedingt souverän, denn er schaffte es den ersten Tag nicht bis in die erste Stadt und den vorletzten Tag nicht bis nach Turkmenabat, aber er stand Vormittags mit mir an der Grenze zu Usbekistan! Eine Maschine, der Mann.

Der Grenzübertritt verlief übrigens deutlich entspannter als befürchtet. Die Bürokratie war nicht der Rede wert und die Medikamente haben entgegen aller Berichte niemanden interessiert. Ein Mann im Kittel fragte lediglich nach gesundheitlichen Problemen. Dem hätte ich wohl auch als Leprakranker sagen können, dass ich alle Knochen beisammen habe, also ging es an dem auch zügig vorbei.

Usbekistan - Wüste, die Zweite!

Hier war alles anders als im Iran und in Turkmenistan! Naja, zumindest war die Wüste nicht ganz so...wüst.

Genauso heiß, genauso trocken. Aber es gab intelligente Bewässerungssysteme, welche großflächig Landwirtschaft ermöglichten und dementsprechend gab es Leben, Zivilisation und damit Versorgungsmöglichkeiten!

So viel mehr gibt es dazu auch schon nicht mehr zu sagen. Flaches Land, immer geradeaus, zu heiß, zu trocken.

Die selbe Vergeudung von Lebenszeit wie zuvor.

Den ersten Abend verbrachten wir in den Zelten unter dem Vordach einer Kapelle zu einem Friedhof, nachdem uns im zuerst angesteuerten Hotel ein Soldat(!) freundlich lächelnd abgewiesen hat. Der riesige, komplett leblose Komplex war ausgebucht. Ehehe.

Den zweiten Tag erreichten wir Bukhara. Gut, hier gibt es wenigstens ein paar Bilder von zu zeigen:

Willkommen zurück in Persien!

Wie sehr ich mich darüber freute und wie gut es mir dabei ging, ist dem Bild rechts zu entnehmen. Direkt nach der Ankunft. Nichtmal das kalte Bier in dem Hostel konnte mich ernsthaft aufbauen.

Angesichts meiner Reaktionen auf die zwei Tage Wüste mussten meine Pläne für die Fahrt durch Usbekistan überdacht werden - einmal komplett hindurch war mit den gedachten Tageskilometern nicht umsetzbar.

Der erste Gedanke: "Drei Nächte hier bleiben, nach Samarkand kämpfen und mit dem Zug abkürzen. Bis zu dem Berg, der die Ferghana-Region abtrennt und der Rest sollte machbar sein."

Morgens dann der Gedanke: "Scheiße, tut das weh! Und warum zur Hölle haben die hier kein Klopapier?!"

Ich hab mir kopflos mit dem Leitungswasser die Zähne geputzt. Das war genug, um mir den Bauch zu zerstören. 3 Tage krampfender Magen, 5 Tage höher frequentierte Thronfolge.

Die Krankheit nahm mir die Entscheidung für den Rest der Zeit in Usbekistan freundlicherweise ab - in Bukhara wurde der Zug genommen, welcher mich einmal komplett durch das Land bis 50km vor die kirgisische Grenze fährt. Schnauze voll von der Wüste, nichts wie raus hier!

Diese Zugfahrt sollte dauern. Länger als geplant, denn es lief nicht ganz, wie geplant. Deutsche Bahn? Nein.

Im Hostel in Bukhara lernte ich ein deutsches Pärchen kennen, welches mit einem Geländewagen durch die Welt reist.

Während ihrer Erzählungen von irren Erlebnissen in Turkmenistan sagten sie "Mit dem, was wir bis hierher erlebt haben, könnten wir drei Bücher schreiben."

Gut, ganz so viel habe ich wohl noch nicht erlebt. Viel, ja. Doch nicht, um ganze Bücher zu füllen. Oder?

Jedenfalls schien sich jemand dazu verpflichtet, das zu ändern.

Mitten in der Nacht der Zugfahrt wachte ich auf - der Zug stand an einem Bahnhof, die anderen wachen Fahrgäste guckten aus dem Fenster unter meinem Bett und draußen war Trubel. Jemand hatte versucht, sich mittels des Zuges auf dem gegenüberliegenden Gleis das Leben zu nehmen und saß entspannt in seinem Blut.

Keine weiteren Details hier, aber...

Leute: wenn ich den Eindruck habe, noch nicht genug erlebt zu haben, reise ich weiter und suche die Erlebnisse. Niemand muss sich vor einen Zug schmeißen, um mir Stoff für Geschichten zu liefern! Alleine schon, weil ich lieber von schönen Erlebnissen berichte, statt von blutigen.

Nun, die Entscheidung, schnell nach Kirgisistan zu kommen, war goldrichtig. Das Klima war auf dieser Seite der usbekischen Berge deutlich angenehmer, von einer Wüste war nichts mehr zu sehen. Allerdings reagierte der Körper auf die schlagartig gestiegene Luftfeuchtigkeit mit Schweißausbrüchen - doch das sollte mich so bald nicht stören!

Der Grenzübergang kurz vor Osh hatte...Würze.

ICH wusste vom auswärtigen Amt, dass ich als Deutscher kein Visum für Kirgisistan benötige. Wissen das auch die kirgisischen Grenzbeamten? In meiner Blauäugigkeit habe ich nichtmal irgendwelche Telefonnummern oder sowas rausgesucht, um im Zweifelsfall (konsularische?) Hilfe anzufordern.

Der Typ an der Grenze war im Bilde und cool: ein knackiges, militärisches "Willkommen in Kirgisistan!" und ich konnte einrollen.

In Kirgisistan war wiedereinmal nichts mehr von der alten, persischen Kultur zu sehen. Stattdessen: Berge.

Und verdammt, wie habe ich es nach all der Zeit umgeben von nichts als Sand geliebt, bei unter 20°C durch majestätisches Gebirge zu fahren!

Unterwegs hatte ich sogar die Gelegenheit in einer Jurte zu übernachten! :) Eiseskälte bei Nacht, die klarste Luft die ich je geatmet habe und doch so warm unter der dicken Decke in dem superweichen Bett mitten in dem starken Zelt, gebaut gegen brutale Winter und Stürme. Eigentlich hat nur noch Lagerfeuer gefehlt.

Nach drei Tagen Ankunft in Sary-Tash, einem Gebirgsdörfchen von vielleicht 200 Seelen mitten im kirgisischen Nirgendwo. Dort machte ich Bekanntschaft mit einigen Leuten.

Eine schicksalhafte Begegnung mit gewaltigem Potential, von der ich bei Zeiten berichten werde :)

Der Weg zur chinesischen Grenze war frei. Ein Tagesritt von Sary-Tash nach Irkeshtam und das fernöstliche Abenteuer sollte vor der Tür stehen. Doch vorher einige der gewaltigsten Aussichten, die ich je erlebt habe...

Gleich nach dieser Aufnahme stellte sich heraus, dass ich fröhlich fotographierend und filmend in einen militärischen Kontrollpunkt gerollt bin :)

Was wollen die da eigentlich? China aufhalten, wenn es rein will?

Insgesamt vier Tage Fahrt durch Gebirge. Höher als je zuvor: auf dem Weg nach Irkeshtam erreichte ich meinen Spitzenwert von 3800 Metern über dem Meeresspiegel.

Ich hätte nie gedacht, das Gebirge mich begeistern könnte - allerdings war nach vier Tagen die Luft wieder raus, genau dann, als es dann auch nach China endete. :)

Mein Weg durch Usbekistan und Kirgisistan lies mich ein Radreisegebiet verpassen, welches weltweit Berühmtheit genießt: den Pamir Highway. Dieser verläuft durch das Hochgebirge Tadschikistans entlang der afghanischen Grenze nach Kirgisistan. Wunderschön, sehr hoch, sehr schwer und herausfordernd.

Ich habe ihn in Anbetracht meiner Erfahrung als Radreisender von Anfang an ausgeschlossen. Walter hat ihn mir kurz schmackhaft gemacht, denn er steuerte von Bukhara darauf zu. Das Visum für Tadschikistan wäre nur eine E-Mail entfernt gewesen....kurz dachte ich darüber nach, denn zusammen mit Walter da durch zu fahren räumte eines meiner größten Probleme mit dem Pamir aus: allein zu sein. Durch Gesellschaft wäre ich die zwei Wochen, die man im Nichts verbringt eben nicht allein gewesen.

Doch die Wüste hat mir erstmal gezeigt, wo der Frosch die Locken hat und dieser Weg bis zum Gebirge hätte mich weiter ausgezehrt, sodass es Wahnwitz gewesen wäre, hätte ich es auch nur versucht.

Im Nachhinein bin ich kein bisschen geknickt darüber, es nicht versucht zu haben. Es ist ja doch nur Gebirge und wie ich eben weiß, reizt mich das ein paar Tage und dann will ich wieder runter. Die vier Tage von Osh bis Irkeshtam waren da genau richtig: mein eigener, kleiner Miniatur-Pamir :)

VIELLEICHT fordere ich den Pamir eines Tages erfahrener und besser ausgerüstet im Rahmen einer organisierten Gruppe heraus. In Dushanbe, der Hauptstadt Tadschikistans aussteigen, kurz bis zum Gebirge, mit der ganzen Truppe (nicht allein!) da durch und in Kirgisistan in den Flieger nach Hause.

Vielleicht.

So endete meine gräßliche Zeit in der zentralsiatischen Hölle mit einigen tollen Ausblicken im Gebirge und dann in einem Containerdorf vor der chinesischen Grenze. Happy End, wenn man so möchte.

Happy End? Da war doch was!

Der fuchsige Leser wird sich erinnern, dass ich es mal erwähnt habe. Kleine Erinnerung: am Abend meines ersten Tages dieser Reise lernte ich den Mitbewohner meiner Gastgeberin, Klemens, kennen.

Dieser gab mir zwei Münzen, jeweils eine norwegische Krone. Diese haben ein Loch in der Mitte und daher beauftragte er mich, mit diesen Münzen bis nach Usbekistan zu reisen, sie mit Bändern zu Anhängern zu machen und als "Talisman von den Wikingern" armen Kindern zu schenken.

Gleich am Abend des ersten Tages lernten Walter und ich in einem Dörfchen eben solche Kinder kennen. Sie beeindruckten mit ausgesprochen gutem Englisch und so lag es nahe, eben nach etwas Band zu fragen...doch lassen wir ein Bild die Geschichte zuende erzählen.

Klemens?

MISSION ERFÜLLT!